Zu schön, um wahr zu sein.

Oder: Kurkumamenschen. Warum manche Menschen am Ende nur Flecken hinterlassen. 

An manchen Tagen betrübt es mich, dass ich ein über die Maßen begeisterungsfähiges Wesen bin, das willens ist, ziemlich viel zu glauben. Ich glaube nämlich fast alles, wenn es mir denn in den Kram passt – da bin ich aber durchaus wählerisch. Logisch, dass ich dem „Supergewürz“ Kurkuma nichts entgegenzusetzen hatte. Denn mit dem Zeug verhält es sich ähnlich wie mit Chuck Norris: es kann alles und es hilft gegen alles.  Frage mich ernsthaft, wie ich bisher überhaupt ohne Kurkuma überleben konnte!

Nach dem Überfliegen des Kurkuma-Kapitels in „Heilende Gewürze“ von Dr. B. Aggarwal* [amazon Link] beschäftigt mich nur noch ein Gedanke: Ich brauche dieses Gewürz. Sofort! Sonst falle ich auf der Stelle tot total frustriert um. Zahlreiche Studien legen nahe, dass der Pflanzenwirkstoff Kurkurmin nach derzeitigem Forschungsstand die Behandlung/Prävention bei über 70 Erkrankungen von A-Z unterstützen kann. Kleiner Wermutstropfen: Es ist eher unwahrscheinlich, dass die tägliche  Messerspitze Kurkuma im Essen bereits derartig Großes vollbringt. Begeisterungsgeflasht habe ich nämlich überlesen, dass den Probanden im Rahmen der Studien unter ärztlicher Aufsicht hochdosierte Nahrungsergänzumgsmittel (500 – 1500mg Kurkumin) verabreicht wurden. Aber egal und viel wichtiger: Das Zeug macht auch noch schön… äh… hält schön. Na wie auch immer. Im Buch heißt es:

Indische Frauen nehmen das gelbe Pulver zur Gesichtspflege – vermischt mit Kichererbsenmehl, Speiseöl und Wasser – um das Gesicht glatt, strahlend und frei von Falten und Unreinheiten zu halten!  

Ha! Das will ich auch! Ich möchte auch eine strahlend schöne Frau sein, die diese wunderbaren Saris trägt und dabei nicht wie ein verkleideter Karnevalsdödel ausm Ruhrpott aussieht. Sondern edel, anmutig und erhaben. Im Geiste sehe ich mich bereits alle männlichen Wesen von hier bis Oberammergau um den Finger wickeln  weil sie sich in meinem Sari verheddern meiner von Kurkuma gepushten Ausstrahlung nicht entziehen können. Rühre mir also flugs diese mein Leben verändernde Gesichtsmaske an und nach 30 Einwirkminuten, in denen sich die Maske wesentlich angenehmer trägt, als sie aussieht, wird es Zeit, mein wunderschönes neues Gesicht freizulegen. Nach dem Abwaschen der Maske fällt mir dann spontan wieder ein, was der gute Dr. Aggarwal ebenfalls geschrieben hat, in meinem Kurkumaflash hatte ich das allerdings blöderweise verdrängt…

Kurkuma diente auch zum Färben von Textilien.

Auch Arbeitsplatten soll das Zeug dauerhaft verfärben können. Eine Warnung, die ich unterstreichen kann – zumindest mein ehemals weißer Pfannenwender ist jetzt currygelb. Mein Kopfkino reagiert prompt mit einer dem Anlass angemessenen Programmänderung. Das anbetungswürdige Geschöpf, das in einen wunderschönen Sari gehüllt durch die Gegend schwebt, wird von Marge Simpson mit einem currygelben Pfannenwender verdroschen und aus der Stadt gejagt. Schrubbe also für die nächsten 10 Minuten wie eine Bekloppte mein Gesicht und verfärbe dabei ein Handtuch, aber immerhin sehe ich hinterher nicht mehr wie Marge Simpson aus. Die Haut fühlt sich übrigens straffer an, hat eine frische Farbe und ist auch sehr gut durchblutet. Lästerzungen könnten nun natürlich behaupten, dass das einzig und alleine daran liegt, dass ich die Maske so gewaltsam runtergeschrubbt habe, aber das ist Blödsinn. Natürlich liegt das einzig und alleine am Wunderwirkstoff Kurkuma, sonst hätte ich den Mist ja nicht ausprobieren müssen .

Und um mal elegant den Bogen zur Einleitung zu schlagen: Mist sind auch diese Kurkumamenschen (m/w), die ich in den letzten Jahren verstärkt anziehe, weil ich diesbezüglich ein wenig anfällig bin und ohnehin dazu neige, in jedem erstmal das Beste zu sehen. Sehen zu wollen. Auf den ersten Blick sind diese Menschen wie Kurkuma – so faszinierend, dass ich  mich frage, wie ich vorher ohne sie leben konnte. Mein Leben bekommt plötzlich mehr Glanz, wird funkelnder und aufregender. Ich bin bestrebt, mich von meiner besten besseren Seite zu zeigen,  werde witziger, charmanter und mitfühlender, weil so ein Wundermensch natürlich etwas Besonders verdient hat und nicht so ein langweiliges Ding wie mich. Ich umnebele mein giftbratziges Selbst also mit ein wenig Sternenstaub und bin für 2 Sekunden kurzfristig sogar von mir selbst geblendet.

Aber irgendwas irritiert mich. Und irgendwann stellt sich mir, frei nach Sex and the City, unweigerlich die Frage, woher man eigentlich weiß, dass etwas nicht in Ordnung ist. Obwohl auf den ersten Blick scheinbar alles stimmt, ist es eben doch nicht stimmig. Also widme ich mich einer meiner Spezialitäten: Ich suche den Fehler bei mir und drösele in mühseliger Kleinarbeit jede meiner Gefühlsregungen auf. Wieder und wieder komme ich zu dem Schluss, dass das Problem bei mir liegt. Bei mir liegen muss. Weil ja sonst alle wie gebannt an des Kurkumamenschen Lippen hängen. Im Zweifelsfall werde ich wohl einfach nur neidisch oder missgünstig sein? Ja, das muss es sein, denn das passt immer und ist das Totschlagargument, mit dem sich alles im Keim ersticken lässt. Und wer will schon eine missgünstige Ziege sein? Also folge ich nicht dem Impuls, der zum Rückzug rät. Sondern arbeite an mir und meiner Einstellung – gewissermaßen an meiner inneren Schönheit, weil es dank des Kurkuma-Desasters mit der äußeren ja ohnehin etwas schwieriger wird.

Doch erstaunlicherweise wirkt die Bereitschaft, den Fehler erstmal bei mir zu suchen, wie Medizin. Der Glanz der Kurkumamenschen verblasst und zurück bleibt im schlimmsten Fall nur ein fieses Gelb. Langsam wird mir bewusst, wie perfide das Spielchen ist, das mitzuspielen ich eine Zeit lang bereit war. Ein Spiel, bei dem ich nur verlieren kann. Meine Selbstachtung und mein Selbstwertgefühl. Denn die Kurkumamenschen, für die ich anfällig bin, sind mit allen Gewürzen gepudert Wassern gewaschen.

Wir führen intensive Gespräche – so seelenvoll und tiefgründig. Und ich fühle mich ob des Vertrauens geehrt, das diesen Menschen dazu bringt, in meiner Gegegenwart sein Innerstes nach außen zu kehren und sich mir gegenüber so verletzlich zu zeigen. Bis mir bewusst wird, dass ich nur der Müllschlucker bin, der mal wieder am Haken eines Ego-Helikopters hängt. Es geht nicht um mich. Ich habe nur die mir zugedachte Rolle zu spielen und diesem Kurkumamenschen übers Köpfchen zu streicheln oder ihn für das zu bauchpinseln, was er bisher überstanden hat. Der Kurkumamensch indes trägt die Verletzungen, die ihm das Leben schlug, wie ein Kriegsveteran auf dem Silbertablett vor sich her und wird nicht müde, zu jeder passenden und vor allem unpassenden Gelegenheit irgendwelche Geschichten zum Besten zu geben. Was auch immer ich berichte, der Kurkumamensch kann es toppen. Und ich bin überzeugt: Wenn ich morgen zum Mond fliegen würde, dann hätte er dort schon vor Jahren seinen Elfenbeinturm gebaut.

Faszinierend ist jedoch nicht die schillernde Verpackung dieser Märchen Geschichten. Sondern der Subtext. Und der lautet stets: Wie schlecht es dir auch geht, mir geht es schlechter. Oder: Ich ging durch die Hölle, während du nur einen Spaziergang durchs Maislabyrinth machst. All das läuft erstaunlich subtil ab. Meine Kurkumamenschen finden scheinbar immer die richtigen Worte – und doch hinterlassen genau diese Worte ein nicht greifbares Unbehagen bei mir. Auch zeigen sich meine Kurkumamenschen verletzlich und offenbaren stets so viel Gefühl, dass es sich eigentlich verbietet, auch nur ein böses Wort zu denken. Wäre da nicht mein Bauchgefühl, das erst leise und dann immer lauter Alarm schlägt – bis ich dann endlich doch den Rückzug antrete, weil ich nicht anders kann. Am Ende hinterlassen diese Kurkumamenschen bei mir nur Flecken auf der Seele und das schale Gefühl, dass ich mich mal wieder vom schönen Schein habe blenden lassen. Wobei diese Menschen durchaus wunderbar sein können – nur eben nicht für mich. Für mich sind sie Gift.

Vielleicht sind wir uns zu ähnlich. Vielleicht sind wir zu verschieden. Vielleicht suchen wir auch nur beide jemanden, der uns in den Arm nimmt. Ich muss und will es nicht ergründen – ich habe genug andere Baustellen und zudem sind mir derartige Spielchen zuwider. Darüber hinaus kann ich Kurkuma ohnehin nichts abgewinnen, Muskatnüsse sind mir lieber.

*Beim amazon-Link handelt es sich um einen *Affilate-Link*. Das heißt: Solltet ihr das Buch über diesen Link kaufen, bekomme ich eine winzige kleine Provision. Für euch ändert sich dadurch nichts am Preis. 

Fotocredits: pixabay/czu_czu_PL, Grafik erstellt mit Pablo by Buffer

18 Kommentare zu „Zu schön, um wahr zu sein.

  1. Kurkumamenschen…Irgendwie treffend! Das kenne ich auch! Wobei ich sagen muss: Von diesem typischen „egal, was du erlebt hast, dein Gegenüber wartet nur darauf, seine eigene, viiieeel dramatischere Geschichte loszuwerden“ habe ich mit ungefähr 16 in einem Kommunikationsratgeber gelesen (frag nicht, warum ich sowas gelesen habe 😉 ) und seitdem immer ein Alarmsystem, das darauf achtet, ob man sich in etwa, langfristig und gefühlsmäßig, in einer ausbalancierten Beziehung befindet, oder ob man nur der Mülleimer für jemanden sein „darf“, der einen mit Komplimenten wie „du kannst so gut zuhören“ zwar scheinbar schätzt, der einem aber auf Dauer doch nicht gut tut.

    Und zum Kurkuma-Gewürz: Du könntest deinen Pfannenwender in die Sonne legen. Angeblich lässt UV-Strahlung das Kurkuma-Gelb sehr schnell verblassen. Hab ich gelesen, keine Ahnung ob es wirklich funktioniert. 😉

    Viele Grüße und ein schönes Wochenende,
    Ellen

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    1. Sei froh, dass du so was gelesen hast. Vielleicht bist du so weniger anfällig für diese Menschen? 😉 Ich bin in dieser Hinsicht ja ein bisschen… zu gutgläubig. Oder zu mitfühlend. Und da ich im Normalfall erstmal nicht glaube, dass mir jemand Mist erzählt, höre ich auch relativ lange zu… irgendwann fange ich dann allerdings an, mir meinen Teil zu denken und das ist dann der Anfang vom Ende. 😉

      Herzlichen Gruß zurück,
      Anna

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Anna,

    deshalb bin ich sehr vorsichtig darin geworden, Menschen an mich heran zu lassen, die mir vordergründig erstmal Bewunderung entlocken. Mag komisch klingen, aber gerade wenn man mit Selbstwertproblemen zu kämpfen hat, neigt man doch gerne mal dazu, alle anderen toller und besser als sich selbst zu finden. Das gibt es natürlich in verschiedenen Abstufungen – aber bevor ich jemanden „über mich“ stelle, gehe ich lieber drei Schritte zurück und beobachte denjenigen eine Weile. Dann bekommt man schnell mit, wie die Uhren wirklich ticken.

    Menschen, die dieses „mein-Leid-ist-viel-schlimmer-als-Deins“ spielen, kommen mir nicht mehr ins Haus.
    Auf mein Bauchgefühl ist da auch immer Verlass – ich übe mich darin, noch viel schneller darauf zu hören. So erspart man sich die üblen Flecken auf der Seele.

    Der Kurkumavergleich ist übrigens wunderbar getroffen – ich habe hier eine Flasche mit „Bio-Kurkuma-Tabletten“ (frag nicht!) und davon soll man 4 Stück am Tag nehmen (entspricht 480 mg) – kauen kann man die oder runterschlucken. Ich komme über eine Tablette nicht hinaus – wenn ich die kaue, spucke ich sie aus, weil sie fürchterlich schmeckt und wenn ich sie runterschlucke, muss ich hinterher aufstossen und stinke auch nach Kurkuma. Gruselig.

    Ich hätte DIch aber gerne so Kuruma-gefärbt gesehen, wie Du versucht hast, Dir das Zeug wieder aus dem Gesicht zu schrubben *grins*

    Hab ein schönes Wochenende!

    Lg
    Clara

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    1. Nee, das mit dem Selbstwertgefühl klingt nicht komisch, sondern logisch. Früher fand ich ja grundsätzlich alle besser und wertvoller als mich. Ich war ja so wenig wert… Gott sei Dank habe ich da mal die Kurve gekriegt. Aber ich treffe diesbezüglich doch immer wieder auf Menschen, die ein…äh… echtes Lerngeschenk sind. 😎 Bin seither allerdings auch recht vorsichtig, was über den Smalltalk hinausgehende Kontakte angeht. Und zum Glück schlägt mein Warnsystem rechtzeitig Alarm, ehe ich wirklich Federn lassen muss.

      Was Kurkuma angeht, habe ich selbstverständlich auch schon ordentlich Gewürz ins Essen geschüttet (bäh…nicht mein Ding) und es mit Tabletten probiert, aber irgendwie bin ich auch wieder davon abgekommen. Bin da sehr inkonsequent. 😏

      Liebe Grüße,
      Anna

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  3. Oh Menno, ich hab gerade Sympathieschmerzen. Und das ganz ohne Kurkumamaske 😉
    Blöde ist nur, dass es immer wieder passiert, obwohl man eigentlich den Mechanismus schon mit dem Verstand gepackt hatte. Nur die Empathie funkt immer dazwischen und meint, es besser zu wissen.
    Von daher: viele Grüße aus dem anderen Maislabyrinth.
    Ilka

    Gefällt 3 Personen

    1. Da ist es wieder… das Ding mit der Theorie und der Praxis. Aber du sagst es: Die Empathie entwickelt manchmal ein unkontrollierbares Eigenleben und schwupps… schon hast du den (Mais)Salat. 😏

      Lieben Gruß zurück ins Maislabyrinth!

      Gefällt 1 Person

  4. Bei mir ist das so: fliegen mir fremde Herzen nur so zu und bin ich ganz entzückt von all dieser überschwänglichen Herzlichkeit, mit der ich bedacht werde, sind das genau die Menschen, die auf Dauer nicht meine Freunde sind. Ist mir jemand beim Erstkontakt herzlich unsympathisch, finde ich ihn oder sie geradezu widerlich, werden das in der Regel meine besten Freunde.
    Hört sich komisch an, ist aber so.

    Gefällt 2 Personen

    1. Musste gerade so lachen. Bei mir ist es auch so, dass die, die ich am Anfang furchtbar blöd/arrogant oder was auch immer finde, hinterher nicht mehr wegzudenken sind. Ein im ersten Moment tief u. ehrlich empfundenes „Ich kann dich nicht leiden“ kann der Beginn von etwas Wunderbarem sein. [Das klingt ein bisschen irre…]

      Gefällt 1 Person

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