Willkommen im Schneckenhaus

#kann Spuren von Ironie enthalten

„Everything will fall into place…“ – ein Sprichwort, das mich sehr anspricht und das in Indien gerne und oft verwendet wird, habe ich gelesen.

Ich neige ja gelegentlich dazu, mich selbst betreffend den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Oder mitunter auch einfach nicht sehen zu wollen, weil ich mit dem, was ich da sehe, nichts anfangen kann oder will. Wenig hilfreich ist ein Mantra, das mich von klein auf begleitet. Es lautet: Reiß dich zusammen und stell dich nicht so an. Das bildest du dir nur ein. Ein wunderbares „Mantra“ und sehr dazu angetan, eine liebevolle und vertrauensvolle Beziehung zu sich selbst aufzubauen. Nun fiel mir vor einiger Zeit im Zuge anderweitiger Textrecherchen ein Buch über die „Hochsensibilität“ in die Hände, zu dem ich freiwillig nicht gegriffen hätte, weil mir das Thema suspekt ist. Natürlich habe ich einem Impuls folgend online schon mal einen Hochsensibilitätstest gemacht und ihn zig Mal wiederholt, weil mir das Ergebnis nicht gepasst hat. Resultat stets: Ein Hochsensibelchen erster Güte. Meine Reaktion darauf: Blödes Geschwätz, du musst dich einfach noch mehr zusammenreißen und härter werden du Weichei. Es ist alles nur eine Frage des Wollens.

Nimm dich so an, wie du bist?

Denn was bitte fängt man mit so einem Ergebnis an? Sich in seinen Elfenbeinturm zurückziehen? Und vor allem: Nun auch noch die Trend-„Diagnose“ Hochsensibilität? Die perfekte Ausrede für alle neurotischen und überempfindlichen Mimosen, die sich vor ungeliebtem Kram drücken wollen? Lächerlich, nicht mit mir. Dass ich eine eher schüchterne Intvovertierte bin, weiß ich schon länger auch wenn ich es lange Zeit nicht wahrhaben wollte und mich lediglich für einen blöden Psycho hielt – und nun wisst ihr es ebenfalls, auch wenn es aufgrund meiner Schreibe nur schwer zu glauben ist, ich weiß. Aber glaubt mir: Ich habe lange und hart an meiner (Online)Persona gefeilt – so hart, dass es mich bisweilen selbst erstaunt, was (sich) da eigentlich in meinem Inneren (ver)steckt. Ich habe bisher auch eher selten über meine Tendenz, mich eigentlich lieber ins Schneckenhaus zurückziehen zu wollen, geschrieben, weil ich keinen Sinn darin sehe, das groß zu thematisieren. Weswegen denn? Die Welt wird sich für mich nicht ändern und niemand wird deswegen auf mich Rücksicht nehmen, also muss ich mich irgendwie mit meiner Umwelt und mit mir arrangieren. Und wenn ich das schon thematisiere, dann würde ich ja wirklich lieber was schreiben à la: Nimm dich so an, wie du bist – du bist absolut in Ordnung so. Nur… kann man das in diesem Fall überhaupt guten Gewissens schreiben? Ich bin mir nicht sicher…

Die Sache mit dem ersten Eindruck…

Das Problem ist ja, dass es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt. Weil wir es mittlerweile perfektioniert haben, alles schnell zu scannen und infolgedessen zu entscheiden, wem oder was wir noch mehr Aufmerksamkeit schenken wollen. Doch was mache ich als introvertierter und schüchterner Mensch, wenn ich die Chance habe, einen ersten Eindruck zu hinterlassen? Ich vergeige es. Ich halte mich – wie üblich in ungewohnten Situationen – immer in der letzten Reihe auf und schaue mir die Sache erstmal an, gerne auch ein bisschen länger und manchmal eventuell zu lange. Das hinterlässt welchen Eindruck? Im besten Fall gar keinen. Im schlimmsten Fall werde ich in die Schuladen „langweilig“ bis „desinteressiert“ gepackt. Sehr oft stempelt man mich auch als „arrogant“ ab und von all den Charaktereigenschaften, die man mir zuordnen kann, passt diese wohl am allerwenigsten zu mir, aber geschenkt. Steckt man allerdings erstmal in irgendeiner Schublade, ist es verdammt schwer, da wieder rauszukommen.

Selbstvermarktung für Stille…

Wenig überraschend hapert es auch mit der Selbstvermarktung. Für andere werben? Jederzeit, kein Problem aber nur, wenn ich von einer Sache überzeugt bin. Für mich selbst werben? Haha, guter Witz. Oft ist schon das Teilen meiner Blogposts in den Social-Media-Kanälen eine Herausforderung. Und es ist mir nahezu unmöglich, auf den Putz zu hauen und meine Erfolge auf dem Silbertablett vor mir herzutragen – was ja auch voraussetzt, dass ich Erfolge überhaupt erstmal (als solche an)erkenne, aber das ist ein anderes Thema. Die zweite Variante wäre „Fishing for Compliments“. Leider leide ich an einer heftigen „Fishing for Compliments“-Allergie. Weder kann ich selbst auf diese Art nach Komplimenten fischen noch kann ich anderen, die dauerhaft auf diesem Trip sind, glaubhaft versichern, dass sie ja in Wirklichkeit ganz toll sind. Die Energie kann und möchte ich nicht aufbringen, die brauche ich für mich selbst.

Hader, hader, Vorwurfsgeschwader…

Also hadere ich gelegentlich ein wenig. Mit mir und meiner dämlichen Art. Mit meinem extrem gut getunten Nervensystem – das an die aufgemotzte Angeberkarre eines 18-Jährigen erinnert – und das so fein eingestellt ist, dass es oft schon dort Alarm schlägt, wo andere bestenfalls fragen „Is‘ was?“ Ich hadere mit meiner abartig ausgeprägten Empathie, die dazu führt, dass mir das Leid anderer – und sei es nur im Film oder in den Nachrichten – beinahe körperliche Schmerzen zufügt. Und natürlich mit der Tatsache, dass ich mich in einer für mich oft zu lauten und auf Effekthascherei bedachten Welt behaupten soll, in der mir gerne mal tolle Rat-Schläge an den Kopf geknallt werden. Etwa: Stell dich  nicht so an. Und: Reiß dich mal zusammen. Oder: Andere schaffen es doch auch, gib dir halt mehr Mühe. Ebenso gut könnte man sich einen Fisch schnappen und ihm sagen: „Du wohnst ab sofort in dieser Hütte am Strand und wage es ja nicht, hier rumzuzicken und dich blöde anzustellen – es liegt lediglich an dir, was du daraus machst.“ Ja. Natürlich. Und wenn sich das Pferd nur noch ein bisschen mehr Mühe gibt, dann können wir demnächst  die Bäume hochreiten. Yippie.

Das Leben ist keine Pilcher-Schmonzette

Wäre jetzt natürlich der ideale Zeitpunkt, um ein paar Tipps der Kategorie „Raus aus dem Schneckenhaus“ rüberzureichen. Wunderbare, großartige Tipps, die Schneckenhauskandidaten wie mir wieder auf die Beine helfen, wenn sie mal ins Straucheln geraten. Dumm nur: Ich habe keine, außer vielleicht: Steh einmal mehr auf, als du hinfällst. Aber sonst? Halte ich manches sogar für nicht mal mit Vorsicht empfehlenswert. Nehmen wir mal den beliebten Tipp, sich für verschiedene Anlässe einen extrovertierten Icebreaker ins Boot zu holen. Scheint auf den ersten Blick logisch zu sein und tatsächlich suche ich gerne mal die Nähe von Menschen, die da eben völlig anders gestrickt sind als ich, weil sich Gegensätze – nicht nur in diesem Fall – sehr gut ergänzen können.  Der Icebreaker-Tipp hat allerdings auch seine Tücken und ich greife bewusst mal tief in die Klischeekiste, um das anschaulich zu verdeutlichen.

Beispiel: Die schüchterne und introvertierte Frau, die sich auf Partys unwohl fühlt, hängt sich an die extrovertierte Freundin, die ein Männermagnet ist. Frage: Wie sehr kann das Mäuschen da wohl wirken? Bei Rosamunde Pilcher hätte sie sicher eine Chance, weil sich die wunderhübsche und redegewandte Freundin als kaltherzige Giftbratze entpuppen würde und sich jeder Mann unsterblich in unser scheues, aber auf seine Weise auch unglaublich schönes und vor allem ach so reinherziges Mäuschen verlieben würde…. hach ja… Dumm nur: Das Leben ist keine Pilcher-Schmonzette und ihr merkt zweierlei. 1. Das war ein echt beschissenes sehr plakatives Beispiel. 2. Es ist halt alles nicht so einfach und die Medaille hat immer zwei Seiten. Es ist besser, sich vorher Gedanken über die Kehrseite der Medaille zu machen, hinterher ist das Geflenne groß. Und übertragen auf den beruflichen Kontext wäre es schlicht ruinös, sich hinter der redegewandten Kollegin zu verstecken, aber das nur am Rande.

Darüber hinaus würde das Befolgen speziell dieses Tipps – zumindest bei mir – dann auch wieder das Gefühl verschärfen, irgendwie unzulänglich zu sein. Weil andere die Situationen, in denen ich kurz vor dem Kollaps stehe, scheinbar spielerisch meistern.

Was bleibt? Nimm dich so an, wie du bist…?

Was bleibt? Doch der Rückzug in den Elfenbeinturm, um sich dort fortan der Lektüre von einlullenden Werken wie „Hochsensible sind die besseren Menschen, ohne sie wäre diese Welt verloren“ zu widmen? Kann man machen und glaubt mir: Niemand würde das besser verstehen als ich. Ich selbst arrangiere mich allerdings lieber irgendwie mit dem was ich habe und mit dem was ich bin – und versuche dann, alles miteinander in Einklang zu bringen. Was übersetzt nichts anders bedeutet, als dass ich – situationsabhängig unter Umständen mehrmals täglich – versuche, ein Schwein durchs Nadelöhr zu bringen. An ganz schlimmen Tagen ziehe ich mir die Decke über den Kopf, lese Harry Potter und murmele mantraartig: „Nimm dich so an, wie du bist – du bist absolut in Ordnung so. Und manchmal glaube ich mir das sogar.

Als ich eingangs erwähntes Buch über die Hochsensibilität durcharbeitete und mich notgedrungen dem Thema widmete, das ich bisher bewusst ignoriert hatte,  hatte ich ein Aha-Erlebnis nach dem nächsten. Und irgendwann fiel der Groschen. Ich bin nicht „falsch“, „unnormal“ oder „zu zart besaitet“. Ich muss mich auch nicht „einfach nur noch ein bisschen mehr zusammenreißen“, damit ich so reagiere wie „normale Menschen“ und ich bin weder „unzulänglich“ noch „sonstwie gestört“. Ich reagiere auf manche Dinge einfach intensiver und bin ein bisschen empfindsamer, weil es nun mal so ist. Weil ich nun mal so bin. Und das ist in Ordnung so, auch wenn es nicht immer leicht ist.

„Everything will fall into place.“

… manchmal dauert es halt nur ein bisschen länger… 

Introversion Schüchternheit Hochsensibilität Verstecken gilt nicht

P.S: Ich bin nicht besonders glücklich darüber, mich so zweifelsfrei der Kategorie der „hochkarätigen Schneckenhäusler“ zuordnen zu können. Ich wünschte, es wäre anders, zumal ich überhaupt keinen Wert darauf lege, mit diesen „Mimimi… ich bin ja so sensibel, nimm gefälligst Rücksicht auf mich“-Menschen in einen Topf geworfen zu werden. Aber gut: Shit happens. Mal wieder.  Liebäugele gerade ernsthaft damit, mein Blog umzubenennen. „Mimimi… shit happens“ fände ich derzeit recht passend. Und doch bin ich ein Stück weit erleichtert, dass mir mal wieder ein entscheidendes Puzzleteilchen bezüglich der Selbsterkenntnis und der Selbstakzeptanz zugespielt wurde. Und um mal einen positiven Punkt anzuführen: Als „hochkarätiger Schneckenhäusler“ kann ich zu nahezu 99 Prozent meiner Intuition vertrauen. Das Hirn hasst es, ich liebe es. Auch meine Einschätzung von Menschen musste ich bisher nur sehr selten korrigieren. Je älter ich werde, desto genauer wird die Trefferquote. Das hat doch auch was.

Passend dazu kam mir kürzlich übrigens, wie bereits auf Instagram berichtet, ein sehr lesenswertes Buch zu diesem Kuddelmuddel aus „Introversion, Schüchternheit und Hochsensibilität“ unter. Geschrieben wurde es von Melina Royer, die sich selbst lange Zeit für den schüchternsten Menschen auf diesem Planeten hielt. Das Buch trug maßgeblich dazu bei, dass ich mich endlich „normal“ und nicht mehr wie ein Alien fühle. Schaut da mal rein, wenn sich die Gelegenheit ergibt und wenn das euer Thema ist. Buch gibt’s wie üblich im Buchhandel oder hier bei amazon: verstecken gilt nicht“ *

Der Link zum Buch ist ein *Affiliate-Link*. Das heißt: Solltet ihr das Buch über diesen Link kaufen, bekomme ich eine winzige kleine Provision. Für euch ändert sich dadurch nichts am Preis, nur mir macht ihr eine kleine Freude. Und keine Sorge: Ich kann und werde dieses Blog auch dann noch betreiben, wenn ihr diese Links ignoriert. 

Verstecken gilt nicht wie man als schüchterner die Welt erobert

 

Fotocredits: pixabay/Pezibear, Rest privat

22 Kommentare zu „Willkommen im Schneckenhaus

  1. Gute 96,3% deines Textes könnte ich mal wieder genau so unterschreiben 😀 Immerhin; ich merke den positiven Effekt meiner viel weniger schüchternen Online-Persona auch ein klitzekleines Bisschen im echten Leben – und wenn es ewig dauert, bis es mehr (oder gar genug) wird, dann ist es halt so!

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    1. Und deinen Kommentar kann ich unterschreiben. Ich merke auch, dass mir das Schreiben unglaublich hilft. Ich blogge ja schon ewig und ehe ich damit anfing, ahnte ich noch nicht mal, dass überhaupt etwas anderes in mir steckt. Das war eine nette Überraschung, als sich meine innere Lara Croft immer öfter zu Wort meldete und es mir immer öfter gelang, auch mal offline mit ihr „um die Häuser zu ziehen“. 😉 Eine Rampensau werde ich wohl allerdings nie werden, aber das muss ja auch gar nicht sein.

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      1. Ich hab ja leider manchmal die Tendenz, immer gleich alles im Extrem haben zu wollen: Von super-schüchtern zu mega-extrovertiert. Was zum Einen ziemlich unmöglich und zum anderen auch völlig idiotisch ist; in diesem Fall ist die Mitte glaube ich wirklich der Goldweg- insofern: Bloß keine Rampensau werden! 😀

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  2. Oh ich war früher soo schüchtern, in meinen jungen Jahren, dass ich z.B.im Bus nicht gern aufgestanden und ausgestiegen bin, weil ich dachte, ALLE schauen mir dabei zu :)) Heute grinse ich nur drüber, früher fand ich das schlimm. Heute allerdings täte ein wenig Schüchternheit ganz gut :))
    Schöner Post 😉
    Liebe Grüße Tina

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    1. Ich gebe dir gerne was ab, ich hab eh zu viel davon. Bisschen weniger Zurückhaltung stünde mir gut zu Gesicht. *g* Aber verglichen mit früher bin ich heute ein echter Draufgänger. Als kleines Kind konnte man mich wohl einfach irgendwo in die Ecke setzen und dort blieb ich dann still und friedlich sitzen. Unscheinbar, unsichtbar, unauffällig. Wie eine kleine Puppe. 😉

      LG Anna

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  3. Für mich machen gerade diese Unterschiede in den Persönlichkeiten das Leben erst bunt und liebenswert. Wie schrecklich, wenn wir alle Klone wären. Das Dumme an der Sache ist nur, dass Zurückhaltung, Schüchternheit &Co nicht etwa als vornehmer Charakterzug, sondern als pure Dummheit missverstanden werden. Der Großkotz ist gefragt! Und gut, dass es ihn/sie gibt, denn sonst könnten sich die anderen nicht so prima davon abheben:-))

    Liebe Grüße
    Gabriele

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    1. Recht hast du. Und, ich muss es leider zugeben, sogar in doppelter Hinsicht. An dem Tiefschlag, dass „still“ bei mir mit „dumm“(weniger fähig) gleichgesetzt wurde, hatte ich lange zu knabbern – manchmal stößt mir das aus Gründen heute noch auf. Allerdings arbeite ich ja jetzt daran, verschiedene Dinge aus einer andere Perspektive zu betrachten.

      Und stimmt – wer sollte denn das Applausgemüse [ (c) Annika] spielen, wenn wir alle nur auf der großen Bühne stehen wollten? Andererseits: „Wir“ sind ein kritisches Publikum, dem man so leicht nichts vormachen kann. 😉

      LG Anna

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  4. Ich grüble jetzt darüber, ob es einen zwingenden Zusammenhang von Hochsensibilität und Schüchternheit gibt. Ich habe hier ein Kind, das ausgewiesen hoch sensibel ist, aber gleichzeitig eine Rampensau vor dem Herrn. Scheinbar hab ich schon wieder irgendwas verbockt *grins*
    Liebe Grüße
    Fran

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  5. Mann. Mir wird langsam unheimlich, wie ähnlich wir uns zu sein scheinen…… Das mit dem artigen kleinen Kind in der Ecke: Genau so. Und stell dir vor, ich war ausserdem sehr bescheiden. Meine Mutti erzählte mir gerne die Anekdote, als ich als etwa 4 oder 5jähriges kleines Mädchen zu Weihnachten nach dem ersten Päckchen keines mehr annehmen wollte mit den Worten: „Oh nein, danke, ich hab schon eins. Ich brauche keines mehr!“. (Ich war also schon damals ziemlich reduziert und minimalistisch unterwegs. ;oD) Als Erwachsene hat man mir tatsächlich schon ins Gesicht gesagt, dass ich ziemlich arrogant rüberkomme. So auf den ersten Blick. Vielleicht habe ich deswegen nur wenige Freunde, weil das andere etwas einschüchtert und sie keinen zweiten Blick mehr wagen. Oder sie sich gar nicht die Mühe machen wollen, hinter die Fassade zu gucken um dann festzustellen, dass ihr erster Blick sie vielleicht getäuscht haben könnte. Es haben nämlich nicht alle ein so beinahe schon animalisch instinktives Gespür dafür, wen sie da vor sich haben, wie wir zwei. Das mag sich grosskotzig anhören, aber ich habe mir schon oft eingeredet, dass ich nicht so ungerecht sein soll, wenn mir jemand wirklich vom ersten Moment an unsympathisch war (ich! die immer erst nur das Gute in allen und allem sieht!), nur um dann bei nächster Gelegenheit feststellen zu müssen, dass ich mich nicht getäuscht hatte. Und meine Empathie- also, die macht mich oft beinahe fertig. Es gibt z.B. Tage, da verbiete ich mir, TV zu schauen oder Radio zu hören. Weil mich all diese negativen Storys tagelang verfolgen können. Ich bin dafür, dass man ein Gesetz erlässt das verfügt, dass man jede Woche einen Tag lang nur positive Meldungen bringen darf in allen Medien. Und dann werde ich immer nur an genau diesem Tag fernsehen, Radio hören und den Computer anschmeissen……
    Wenn ich aber eins gelernt habe in all den Jahren, die ich mit mir und meiner Sensibilität verbracht habe: Dass es okay ist so. Ich liebe mein Schneckenhaus, und ich muss keinem (mehr) beweisen, wie kompatibel ich bin mit dieser Welt. Das bin ich nämlich definitiv nicht. Aber das macht mir auch nichts aus, im Gegenteil. Mein Leben stimmt genau so für mich, wie es ist. Und ich verwende meine Energie lieber auf anderes, als mich mühsam immer und immer wieder an irgendwas oder irgendwen anzupassen. Weil es nämlich, schlussendlich, a) nicht klappt und b) nichts bringt.
    Ach übrigens: Schüchtern bin ich eher nicht. Und manchmal bin ich sogar so gnadenlos ehrlich, dass das manche beinahe ein wenig schockiert. Aber das muss einem nicht dran hindern, trotzdem sehr introvertiert zu sein.
    Tja. So isses.
    Herzlichste Grüsse!

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    1. Das überrascht mich nicht, dass wir ähnlich ticken. Und ich musste sehr über den „animalischen Instinkt“ lachen. Ja, das passt. Ich habe ja jahrelang gegen diesen Instinkt gearbeitet, eben weil ich nicht voreingenommen sein möchte -ich hasse es doch selbst, wenn man mich sofort in eine Schublade packt. Aber es stimmt: ich spüre intuitiv, wo es passt und von wem ich die Finger lassen sollte und mittlerweile nehme ich das eben so hin. Gibt ja echt Schlimmeres, mit dem du dich arrangieren musst. 😏

      Was die Schüchternheit angeht… hm… habe mir in letzter Zeit auch eine recht direkte (fast zu direkte) Art zugelegt und kann mittlerweile auch ziemlich gut nachvollziehen, wie es zu dieser Schüchternheit kam. Das hat sich irgendwie verselbständigt, wie es nun mal geschieht, wenn du dich von klein auf für einen extrem schüchternen Menschen hältst und noch dazu „ermutigt“ wirst, nur ja nie aufzufallen. Ich denke, daran müsste ich gut arbeiten können und das tue ich auch, seit dieser Groschen gefallen ist. Aber zur Rampensau reicht’s in diesem Leben nicht mehr. Schätze ich. Aber man soll nie nie sagen.

      Muss dir gestehen, dass ich echt überlegt habe, ob ich diesen Post veröffentlichen soll, weil sehr persönlich. Andererseits: wenn ich nicht hier zu mir stehe, wo dann? 😉

      Schönen Abend für dich und herzliche Grüße!

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  6. Wenn das mal nicht eins zu eins passt 😊 danke fürs schreiben. Bei deinem Text über introvertiert hab ich mich schon so gut beschrieben gefühlt und hier dann wieder.
    Auf das Buch warte ich übrigens sehr gespannt, als ich es bei dir bei Insta entdeckt hatte war meine Neugierde geweckt 😊
    Lg Aurelia

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    1. Aber gerne. 😉 Dieser Post (oder eher: dieses Outing) wurde wohl unterschwellig auch durch mein Ja-Experiment forciert. Ich mag meine Kodderschnauze, aber es wird Zeit, auch der anderen Seite Raum zu geben. Nun, da mir bewusster denn je ist, dass es eben so ist, wie es ist. Und es ist so unglaublich anstrengend, sich nicht so geben zu können (dürfen/wollen), wie du bist… aber wem erzähle ich das… wir verstehen uns. 😉

      LG Anna

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  7. Huhu,
    ooooh man, das ist ein Text der mir total aus dem Herzen spricht. Wie sehr es mich manchmal ankotzt, dass ich so verdammt schüchtern sein kann obwohl ich das eigentlich überhaupt nicht bin. Bloß nicht unangenehm auffallen,… naja, eigentlich überhaupt gar nicht erst auffallen, sonst reden wieder alle. Ging so weit, dass ich gestern Schuhe habe zurück senden wollen,weil ich beim auspacken gemerkt habe, dass sie ganz minimal glitzern. Was sollen denn die Leute denken?! Und dann als ich die Reaktion meiner mich umgebenden Mitmenschen gesehen habe, merkte ich, dass ich anscheinend bekloppt bin. Wer mich nicht mag hat andere Probleme als (super dezent) glitzernde Turnschuhe. Und ich weiß jetzt schon, wenn mich da mal wer drauf anspricht und mir sagt, dass es ihm nicht gefällt, sind die Schuhe bei mir plötzlich dennoch unten durch 😀

    Es ist anstrengend finde ich, sich in der Welt irgendwo seinen Platz zu suchen. Es passt einfach nicht so wie es bei anderen scheinbar passt, es ist schwierig den Mund aufzumachen und naja, nicht mal nein zu sagen, sondern das nein zu denken ist schon nicht drin bei mir. Aber so langsam hab ich wenigstens mich selbst akzeptiert und weiß woher der Wind weht wenn ich wieder ’seltsam‘ reagiere. Und kann aktiv gegensteuern. Ich hoff, dass dir das auch gelingt – dein Blog ist ja schon mal ein super Schritt 🙂 (und höchst unterhaltsam geschrieben und super informativ und sowieso… ich find ihn klasse)

    Lieben Gruß,
    eine ‚Leidensgenossin‘

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    1. Da hast du gerade einen meiner Zaubersprüche erwähnt. Zumindest zur Hälfte. Ich streiche mal das „Wer mich nicht mag“ und behalte „hat andere Problem“ – denn genau das ist es. Wenn ich einen ganz schlechten Tag habe und denke, alle Welt starrt mich an, weil ich mich so blöd benehme/blöd aussehe oder was auch immer, dann flüstere ich mir leise zu: „Die sind alle mit sich selbst beschäftigt, die haben ihre eigenen Probleme.“ Und so ist es doch. „Die“ haben ihren eigenen Kram im Kopf und ganz ehrlich… wenn das NICHT so ist und sie sich stattdessen auf deine Turnschuhe oder whatever fixieren, DANN haben sie echt ein Problem. *g*

      Und da sprichst du was Wichtiges an: Sich selbst akzeptieren. Und das Beste draus machen. Könnte ja auch schlimmer sein. Mal ehrlich: Lieber bin ich nen Tick zurückhaltend, als dass ich ein durchgeknallter Narzisst bin. Ist doch wahr. 😉

      Herzlichen Gruß,
      Anna

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  8. Bin durch Pinterest auf deinen neuen Blog gestoßen 🙂 Hallo von einem Hochsensiblen zum anderen! Wobei ich tatsächlich nicht der schüchterne Typ bin, also es macht mir nichts „nach draußen“ zu gehen. Ich finde es überhaupt nicht schlimm, sich auf sein Schneckenhaus zu berufen. Ist das Internet nicht gerade dazu perfekt geeignet? Du kannst an deinem Schreibtisch sitzen, die Gedanken schweifen lassen, ehrlich sein und in der Regel sieht man nicht, wer den Beitrag alles gelesen hat.
    Ich merke das gerade sehr extrem, wie ich mich von meiner Umwelt gedanklich abschotten muss, denn ich bekomme im Januar mein erstes Kind und alle haben ihre „das macht man so“-Tipps auf Lager – nur mache ich eben fast alles meistens anders 😀 Daran habe ich gemerkt, wie unheimlich wichtig es ist, zu sich selbst zu stehen (dafür muss man nicht extrovertiert sein, aber eine gewisse Portion Selbstvertrauen ist natürlich nicht verkehrt).
    Seit ich mich einfach richtig gut finde, ist das Leben echt einfach geworden, trotz dieser Einschränkung mit der schnellen Überforderung 😉

    Viele liebe Grüße und viel Spaß beim neuen Blog!

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    1. Herzlich willkommen hier. Sehr selten, dass jemand von Pinterest hier rüber hüpft. 😉 Ich möchte mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen und es schon gar nicht ganz genau wissen, wer so alles meine Beiträge liest. Es gibt nämlich nur wenig, was meine Schreibunlust mehr befeuert, als zu wissen, dass da jemand mitliest, der eigentlich nur auf Fehler wartet oder sich mal wieder angepiekst fühlen möchte. Letztendlich ist das hier mein „virtuelles Notizbuch“ und ich verblogge hier nur das, was für mich gerade ein Thema ist – aber okay, das wäre jetzt wieder ein anderes Thema. 😉

      Recht hast du: Es ist extrem wichtig, zu sich selbst zu stehen. Als ich mich endlich mal richtig mit dem Thema „Hochsensibilität“ beschäftigt habe, hat sich in meiner Selbstwahrnehmung einiges zum Positiven verschoben. Neige ja dazu, relativ hart zu mir zu sein/mit mir zu reden – da bin ich jetzt netter geworden. Und sage mir öfter mal: „Das hast du gut hinbekommen“ – auch wenn das, was für mich eine Herausforderung ist, für andere vielleicht nur Peanuts sind. Das Leben wird wirklich leichter und sehr viel angenehmer, wenn man zu sich steht. Und wenn man lernt, auf sein Bauchgefühl zu hören. 😉

      Liebe Grüße
      Anna

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