Das Ja-Experiment – (mein) Year of Yes

Oder: Wie mich ein eigentlich amüsant geschriebenes Buch in einer Tour darüber nachdenken lässt, was für eine blöde und durch und durch langweilige Kuh Nuss ich doch bin. Preisfrage: Wovon könnte ein Buch handeln, das den Namen Das Ja-Experiment trägt? Ja, da gerät das Hirn ins Rotieren. Eine wirklich schwere Frage, ich weiß.

Das Ja-Experiment ist ein typischer Fall von „instagramamademebuyit“, denn ohne Instagram hätte ich nicht gewusst, dass Shonda Rhimes [Schöpferin von Grey’s Anatomy, Private Practice oder Scandal] ein Buch geschrieben hat. Wäre mir ehrlich gesagt auch schnurzpiepegal gewesen, da ich keine dieser Serien länger als ein paar Folgen angeschaut habe – wenn ich denn überhaupt reingeschaut habe. Mit Arztserien kann man mich jagen, da kollabiert der latent in mir schlummernde Hypochonder und alpträumt von Excalibur-großen Eiszapfen, die ihn heimtückisch erdolchen. Oder von todbringenden Krabbelviechern, die sich durch den Verzehr einer exotischen Frucht häuslich in seinem Inneren einrichten, ihn langsam von innen her aushöhlen und irgendwann, wenn nur noch eine Hülle übrig ist… na lassen wir das. Ihr seht also, dass es in unserer aller Interesse ist, dass ich keine Arztserien anschaue und nun lasst euch den Obstsalat schmecken, denn sonst hätte ich gruselige Träume, die ich selbstverständlich verbloggen müsste.

Das Buch von GruselErfolgsserienschreiberin Rhimes hat im Gegensatz zu den von ihr verzapften Serien allerdings nicht nur laut nach mir geschrien, sondern mich quasi frontal angesprungen und sich an meinem Hals festgeklammert, denn Shonda ist nicht nur „Hollywoods bekannteste Drehbuchautorin u. Produzentin“ [heißt es im Klappentext], sondern auch ein introvertiertes Stück, das sich fast immer hinter einem schnellen Nein verschanzt. Nun aber möchte sie sich selbst austricksen, indem sie ein Jahr lang zu (fast) allem Ja sagt und – Überraschung! – genau das beschreibt sie im Ja-Experiment. 

Ich gebe es nicht gerne zu, aber ziehen wir „Hollywoods bekannteste Drehbuchautorin u. Produzentin“ mal ab, ist Shonda quasi meine Schwester im Geiste, wobei es mir lieber wäre, wenn die Parallelen zwischen uns beim Drehbuchschreiben liegen würden. Fakt ist: Auch ich bin ein introvertiertes Stück, das sich täglich in regelmäßigen Abständen in seinen Kokon zurückziehen muss, weil es „da draußen“ einfach zu laut, zu schrill und zu auslaugend ist. Ich kann das nur begrenzt ertragen und muss mich hinterher erstmal „entgiften“. Klingt blöd, ist aber leider so. Und ebenso wie Shonda verschanze auch ich mich gerne hinter einem schnellen Nein – mal aus Selbstschutz, mal aus Selbstunsicherheit und natürlich auch aus Feigheit oder einem Gemisch aus allem. Shondas Experiment ist also wie für mich gemacht. Zumindest dann, wenn ich mich nicht weiterhin so gebärden möchte wie Lucky Luke – der Mann, der schneller schießt als sein Schatten, nur dass ich eben mit einem Nein hantiere.

Ein Ja – zwei Welten

Das Ja-Experiment ist durchaus unterhaltsam – wenn einem Shondas Schreibe zusagt, ich selbst hatte anfangs einige Probleme damit und musste mich erst einlesen. Und ich hätte definitiv noch mehr Spaß an und mit diesem Buch gehabt, wenn ich mich beim Lesen nicht andauernd ertappt gefühlt hätte. Etwa hier:

„Ich fühle mich inmitten von Büchern wohler als in ungewohnten Situationen. Ich bin völlig zufrieden damit, in meiner Gedankenwelt zu leben.“

Oder hier:

„Ich hätte die Absage schonend formuliert. Respektvoll. Elegant. Ich hätte mir eine kreative Ausrede einfallen lassen und zum Ausdruck gebracht, wie geehrt ich mich fühle und wie sehr ich bedaure, nicht kommen zu können. Die Ausrede wäre gut gewesen, sie wäre brillant gewesen.“

Andere lachen vielleicht darüber – ich nicht, ich schreibe stattdessen die Absage. Oder eher: ich schrieb sie bisher, denn jetzt will ich ja ab sofort mit Freuden Ja sagen. Also abhängig davon, wer fragt und wozu ich genötigt werden soll. Scheint mir nun auch nicht zielführend zu sein, vom Neinsager zum hirnlosen Jasager zu mutieren. Sicherheitshalber erwähne ich auch, dass sich mein Ja-Experiment logischerweise auf einem ganz anderen Level bewegt als das von Shonda. Ich muss mir beispielsweise keine Gedanken darüber machen, ob ich zu einem Treffen mit den Obamas und Snoop Dogg gehe, aber wer von uns muss das schon? Und vor allem: Wer will denn bitte Snoop Dogg treffen, wenn er auf Disturbed steht? Na eben.

Was seither geschah…

Mein Year of Yes läuft noch – logisch, denn wir haben ja erst September und ich habe mir das Buch zu Weihnachten geschenkt. Bisher brachte mir mein Ja u.a. folgendes ein:

  • Einen Beitrag in der Öko-Test [und so kam es dazu: klick zu Weib and the City].
  • Ein paar Familientreffen, die es sonst für mich nicht gegeben hätte.
  • Ein Handballspiel, dem weitere folgen werden – „weiter“ ist hier dank Ostsee-Spree-Liga sogar durchaus wörtlich zu nehmen.
  • Zwei Tage ohne Smartphone, da ich das Ding verliehen habe.
  • … anderen Schnullifax, der zu privat ist und somit nicht hierher gehört.

Eine interessante Zwischenbilanz mit einem absoluten Highlight. Und einem absoluten Tiefpunkt – nämlich der frustrierenden Smartphone-Geschichte. Da der Junior sein Smartphone geschreddert hatte, ohne WhatsApp quasi am Rande eines Nervenzusammenbruchs stand und ich ohnehin weniger online sein wollte, habe ich ihm fast einfach so mein Smarthpone geliehen. Also… zuerst habe ich Nein gesagt und dann fiel mir tags darauf ein, dass ich ja öfter Ja sagen wollte. Nun ja… Arschkarte. Angesichts meiner äußerst selbstlosen Leihgabe habe ich mir erstmal einen kleinen Sockel [mit Blattgold überzogen und mit bunten Glitzersteinchen aufgehübscht] gefertigt, mich häuslich darauf niedergelassen und mich den smartphoneabhängigen Zeitgenossen maßlos überlegen gefühlt. Und dann explodierte die Bombe.

Was um Himmels willen stimmt nicht mit mir?! Warum kann ich meinem 17-jährigen und sehr technikaffinen Sohn zwei Tage lang mein Smartphone leihen?! Wieso ist da nichts drauf, was mir unangenehm sein könnte oder woraus sich ein Strick drehen ließe?* Wie konnte ich nur so langweilig werden?! Andererseits: Warum wundert mich das? Sehen wir den Tatsachen doch mal ins Gesicht: Wenn es anders wäre, wäre das Ja-Experiment für mich ja keine Herauforderung, sondern ein Schlafmittel.

Nun denn: Schau’n mer mal, was das Ja(hr) noch aus mir macht.

Ich bin gespannt. 😉

shonda

[Habe mir das Experiment anfangs ein bisschen versüßen müssen, ehe aus dem Ja zu Pralinchen ein Ja zum intermittierenden Fasten wurde. Und wenn ihr euch nun fragt, ob ihr angesichts dieses eher nicht gestochen scharfen Bildes was aufm Auge habt: nein, habt ihr nicht. Das ist Kunst (verschwommener Effekt). Und eine ungeputzte Linse.]

*Die Nummer mit den peinlichen Selfies haben wir übrigens schon durch. Die waren nicht auf dem Smartphone, sondern auf der Speicherkarte der alten Kamera. Und zwar auf DER Speicherkarte, die der Sohn eines unschönen Morgens quasi im Vorbeigehen einsackte, um seine Kamera für den Fotokurs aufzurüsten. Das ging so dermaßen schnell, dass mein mit Koffein massiv unterversorgtes Hirn erst Alarm schlug, als Sohn und Karte bereits zur Tür raus und auf dem Weg zur Schule waren, aber da war es dann leider auch schon zu spät. Dafür hatte ich ein neues Mantra für diesen Tag: Oh. Mein. Gott. Warum nur?! 

Neugierig aufs Buch geworden? Erhältlich ist es wie üblich im Buchladen eures Vertrauens oder hier bei Amazon: „Das Ja Experiment“ von Shonda Rhimes (Heyne Verlag)*.

*Bei diesem Link handelt es sich um einen Affiliate-Link. Bedeutet: Für dich ändert sich rein gar nichts am Preis und ich erhalte eine winzige Provison, wenn du etwas über diesen Link kaufst. Wenn du das nicht unterstützen möchtest, ignoriere den Link einfach und such dir das Buch bitte anderweitig raus. Falls du den Link nutzt: ❤ lichen Dank! 

Fotocredits: pixabay/Engin_Akyurt

10 Kommentare zu „Das Ja-Experiment – (mein) Year of Yes

  1. haha Du bist gut Anna. Handy verleihen, okay ich täts auch tun. 😉
    Arztserien guck ich auch nicht, kann ich den ganzen Tag in der Praxis haben. Tz immer diese Hypochonder, die denken sie haben Insekten verschluckt, die sie innerlich auffressen und das vor Feierabend! :))
    Nönö das hab ich live. Herr Doktor mir tut seit 33 Jahren der linke kleine Zeh weh und heute muuuusste ich noch schnell kommen um ihnen das zu zeigen.Puh, weisste was ich meine!!?
    Bin gespannt zu was Du noch Ja sagst Anna, das Jahr ist noch nicht vorbei, alles ist offen :))
    Schönen Dienstag, liebe Grüße Tina

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    1. Oh ja, ich erinnere mich. Kurz vor Feierabend müssen die ganz dringenden Dinge geklärt werden… die sich seit Wochen bemerkbar machen 😉 Aber ich darf nicht lästern – wenn ich zum Friseur will, dann brauche ich SOFORT einen Termin. Sonst lege ich selbst Hand an und es gibt ein Unglück. *g*

      Bin auch gespannt, wozu ich noch Ja sage. Derzeit sage ich mal wieder Ja zu „Du bist der Hammer! Hör endlich auf, an deiner Großartigkeit zu zweifeln, und beginn ein fantastisches Leben“ – das habe ich nämlich vorher in die Ecke gefeuert, weil mir die gute Frau Sincero ein paar Mal zu oft „Ja! Du schaffst es!“ gesagt hat. 😎

      Lieben Gruß
      Anna

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  2. Hihi… Du bist mutig! Mein Handy verleihen?? Boah… niemals 😂
    Ich mag die Serien von Shonda fast immer (Scandal fand ich wirklich richtig gut!) und bin allein schon daher neugierig auf den Menschen dahinter… wobei ich ja eher mal öfter NEIN sagen müsste…. aber auch ich gebe nicht auf 😊
    Liebe Grüße 😉

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    1. Das Handy habe ich während einer Instagram-Pause verliehen. Jetzt würde ich das nicht mehr machen. 😛 Was die Serien von Shonda angeht : Ich interessiere mich ja auch für die Menschen dahinter, aber können sie nicht Rechtsanwälte oder Journalisten sein? Das wäre mir echt lieber. 😉 Wobei ich „Scandal“ nicht kenne. Nur „Grey’s“ und „Private Practice“.

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  3. Liest sich aber, als ob Du mehr gute als schlechte Erfahrungen bisher mit Deinem Experiment gemacht hast? Es ist offenbar eine gute Übung 🙂

    Mein Handy habe ich früher ständig an den Neffen verliehen. Heute würde ich es auch nicht mehr machen, aber einfach, weil ich damit viel fotografiere. Ansonsten hänge ich aber nicht sonderlich dran, es ist halt praktisch.

    Schauen wir mal, was Du dann Anfang nächsten Jahres als „Jahresbilanz“ zu Deinem kleinen Experiment zu berichten hast 😉

    Lg
    Clara

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    1. Stimmt. So ist es auch. Die guten Erfahrungen überwiegen und ich kann hier auch nicht alles aufdröseln und alles anführen, weil es zu persönlich werden würde. 😉

      Smartphone würde ich heute auch nicht mehr verleihen, denn genau: Kamera. Allerdings liebäugele ich gerade damit, mir in den kommenden Wochen mal ne „richtige“ Kamera zuzulegen. Die Möglichkeiten, mit dem LG Mini richtig tolle Fotos rauszuhauen, sind doch sehr begrenzt – allerdings macht es wirklich einen verdammt guten Job… nur sind meine Ansprüche gestiegen.

      Lieben Gruß
      Anna

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  4. Irgendwie interessant, wie jeder Trend einen Gegentrend erzeugt – lange musste ich lernen, nein zu sagen, mich abzugrenzen, mich nicht vereinnahmen zu lassen, nur weil ich mich nicht traue, etwas abzulehnen.
    Ich werde vermutlich auch immer ein kokonbedürftiger Mensch bleiben. Aber manchmal denke ich auch, dass ich mich mal wieder auf mehr einlassen müsste/will. Von daher klingt das Buch interessant – aber noch gespannter bin ich vermutlich auf den (weiteren) Verlauf deines Experiments. 🙂
    Viele Grüße,
    Ellen

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    1. Ätzend ist das. Hier ebenso. Die erste Hälfte meines Lebens absolut füg- u. duldsam, dann kam das Nein. Wurde teilweise nur akzeptiert, wenn es mit dem Vorschlaghammer serviert wurde. Jetzt habe ich den Salat und möchte gerne mal ein neues Kapitel aufschlagen. Ohne Vorschlaghammer. Mit mehr Ja -wenn mein Bauchgefühl auch Ja sagt. 😉

      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

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