Superwoman schwitzt nicht.

#kann Spuren von Ironie enthalten

Um meinen Horizont zu erweitern und mitzubekommen, wohin der Zeitgeist-Hase läuft, halte ich mich diesbezüglich ein wenig auf dem Laufenden. Allerdings stresst mich das mittlerweile gewaltig, denn  wohin ich auch schaue: Ich habe ständig das Gefühl, dass das Leben zunehmend zum Projekt wird, bei dem es immer nur Optimierungsbedarf gibt. Gut? Ist nicht gut genug. Zurücklehnen und das Erreichte würdigen? Klar. Abends bei einem Gläschen Wein oder einem schönen Bad – und tags darauf geht’s dann munter weiter.

Da verkniffene Klassenstreber allerdings out sind, muss das alles total unangestrengt und zum Niederknien lässig wirken, sonst hat einen nämlich niemand lieb. Und hier kommt der Zaubertrick ins Spiel, denn selbstverständlich stresst uns dieser Zwang zur Optimierung überhaupt nicht, da wir ja auch von Natur aus dafür brennen, die beste Version von uns selbst zu werden. Das wurde uns Frauen quasi in die Wiege gelegt – denn anderenfalls wären wir ja als Kuh zur Welt gekommen, die tagein und tagaus wiederkäuend auf der Weide steht und auf Persönlichkeitsentwicklung schei… äh… pfeift. Wissta Bescheid.

 Oh wunderbare Superwoman…

Der normalen Frau ist es also folglich ein Bedürfnis, ihr optimal optimiertes wahres Selbst freizulegen. Manche haben das sogar schon getan und nun sitzen sie völlig unberührt von allen Schönheitsidealen und Zeitgeistphänomenen dort, wo sie immer sitzen und sind mit sich und der Welt im Reinen. Krass. Ja ist das denn die Möglichkeit?! Mit dieser werberesistenten Frau kann man natürlich nicht wirklich werben wen willst du denn damit unter Druck setzen?! und so wird sie zwar gerne mal kurz aus der Ecke gezerrt, um ihre buddhagleiche Gelassenheit zu rühmen, allerdings kann niemand ernsthaft wollen, dass wir einfach mit uns zufrieden sind und allen Selbstoptimierungsprogrammen trotzen. Wo bleibt da der Gewinn?

Die etwas werbewirksamere Superwoman-Version wandelt auf spirituellen Pfaden und bezeichnet sich selbst als „undogmatisch“. Das undogmatische Geschöpf ernährt sich streng makrobiotisch ausgewogen, sitzt ab 4 Uhr in der Früh erst auf dem Meditationskissen und danach auf der Yogamatte praktiziert diszipliniert Yoga und Meditation und findet zwischen Kräutertee und Misosuppe mal eben Zeit, um gegen „dogmatischen Spirit-Junkies“ zu ätzen sich liebevoll über andere Yogis zu äußern. Sehr inspirierend.

Und dann gibt es natürlich noch die extrem werbewirksame Superwoman-Version. Sie sieht aus wie Megan Fox oder Giselle Bündchen, weil der liebe Gott es beim Herstellungsprozess halt extrem gut mit ihr gemeint hat und zwecks kosmetischer Instandhaltungsmaßnahmen sind selbstverständlich lediglich ein bisschen Schlaf und 2 Liter Wasser am Tag nötig. Na gut… vielleicht auch 2,5. Die Wahnsinnsfrau wuppt Hammerjob, Hund, Katze, Maus und Familie, geht regelmäßig zum Sport [nicht wegen der Figur, sondern weil sie sie ihre überschüssige Energie irgendwo loswerden muss] und hat selbstverständlich ein fantastisches Liebesleben. Nebenbei zieht sie gerade ihren eigenen Online-Shop für Wohnaccessoires oder edle Klamotten auf, weswegen sie zwecks Warenbeschaffung durch die ganze Welt jettet. Und nebenbei engagiert sie sich auch noch für die Rettung eines seltenen ostindischen Regebogenkäfers, weil der total süß ist. Das Beste ist allerdings: Sie ist überhaupt nicht gestresst, weil sie ja nur das tut, wofür sie brennt und wenn es mal läuft, dann läuft es halt. Superwoman hat sogar noch Kapazitäten frei [sie braucht halt nur 3 Stunden Schlaf, da kannste nix machen] und ist total unterfordert, weil ihr nun mal alles einfach so zufliegt.

Hach und huch… wie schön es menschelt…

Lediglich eine kleine, aber sehr sympathische Schwäche muss immer mal wieder mehr oder weniger subtil durchscheinen, damit Superwoman menschlicher wirkt. Etwa: Hach… ich kann die Finger nie von der Schokolade [alternativ Kaffee oder Kekse oder fettfreie Grünkohlchips] lassen. Oder: Huch… ich komme ja wirklich an keinem Buch- oder Schuhladen vorbei, so schlimm, hihi. Und natürlich die Mimimi-Klassiker: Ich kann ja eigentlich nichts wirklich gut und nun sag mir gefälligst, wie toll ich bin. Oder: Ich hatte es im Lauf meines Lebens mal sooo schwer [ja… wer nicht?], aber nun stehe ich hier, strahlend schön wie nie und stärker denn je. Marilyn Monroe, die ich bewundere und sehr inspirierend finde, hat die Welt mit dieser „Ich bin ein waidwundes Rehlein“-Nummer sehr charmant um den Finger gewickelt. Das ist der Stoff, aus dem Idole geschnitzt sind.

 Slow Flow…

Wohl denen, die ihr wahres Ich freigelegt haben und nun wie ein Duracell-Häschen im Superwoman-Kostüm durch die Gegend powern. Wer sich blöderweise noch mit seinem falschen Ich rumschlägt, kann da ganz schön ins Schleudern geraten und sich ein wenig unter Druck gesetzt fühlen. Und so bringt dieser Optimierungswahn wenig überraschend eine pseudo-relaxte Gegenbewegung mit sich, an deren Spitze kuschelige Wohlfühlmagazine stehen, die es auf eine Auflage bringen, von der andere Zeitschriften nur träumen können. Die Flows und Slows bieten scheinbar eine Auszeit von diesem „Optimize yourself“-Wahn, der offenbar nicht nur mich nervt – denn ich kaufe nicht 210.000 Flows [sondern nur eine] oder 123.211 Ausgaben der Happinez und 216.000 der Slow [sondern keine]. Und nachdem ich einige dieser Wohlfühlheftchen für die „überdurchschnittlich gebildet, beruflich engagierte, einkommensstarke und urbane Frau“ konsumiert habe, stelle ich für mich fest, dass ich wohl nicht zur Zielgruppe gehöre, weil ich nicht besonders gebildet einkommensstark bin.

Das kuschelige „Komm mal runter“-Mäntelchen ist zweifelsohne ganz hübsch anzuschauen, aber nach ein paar Heften fühle ich mich schon wieder gestresst. Nur anders. Sei achtsam, höre auf dein Herz und deine Seele, lebe deinen Traum, wirf die Uhr weg und vertrödele den Tag und lege ganz entspannt und mit ganz viel Yoga und Meditation dein optimiertes Selbst frei, strahlend, schön und stark. Bla, bla, bla. Als Erinnerungsstütze gibt’s Postkarten, auf denen „Unvollkommen ist vollkommen O.K.“ oder „Nicht perfekt ist auch gut“ steht und für die achtsame Pause ein Malheftchen für Erwachsene. Toll. Druck von zwei Seiten. Nämlich von der, die zu perfekt ist, als dass ich sie jemals erreichen könnte und wollte und von der, die mir Druck macht, mir doch einfach mal weniger Druck zu machen und endlich das loszulassen, was mich stresst. Na wenn das mal so einfach wäre und sich mit Postkarten  und hässlichen Malheftchen in den Griff bekommen ließe…

Aus einem Nashorn wird nun mal kein Einhorn…

Fakt ist: Wenn ich nicht extrem diszipliniert durch den Tag gehe –  was heißt, dass ich Optimizer jeglicher Couleur überwiegend meide –  habe ich irgendwann das Gefühl, in einem gigantischen Lifestyle-Kaufhaus zu stehen, in dem ich in meiner Währung leider nichts bezahlen kann. Stattdessen führt mir dieses Kaufhaus lediglich vor Augen, was ich verpasst habe, was ich nie haben werde und was ich nie sein kann. Da ist es nur bedingt befriedigend zu wissen, dass diese optimierungswahnsinnigen Meister der perfekten Selbstinszenierung eines Tages zwangsläufig ausbrennen werden, woraufhin sie dann nicht eher aufstehen dürfen, ehe sie gesammelte Flow- u. Slow-Magazine gelesen haben medienwirksam nach Digital Detox schreien und sich darüber wundern, dass kaum jemand den Menschen hinter der perfekten Fassade wahrnimmt, die sie so mühsam aufgebaut haben. Könnte daran liegen, dass der selbst aufgehäufte Berg an Glitzerstaub einfach zu hoch ist, als dass irgendwer den Menschen dahinter hätte sehen können. Oder wollen.

Ein Teufelskreis der perfekten Selbstinszenierung, der permanent am Laufen gehalten wird. Nur wofür und für wen? Wer glaubt denn noch an diese Mär von der scheinbar mühelosen Perfektion, die bestenfalls für Instagrambildchen oder Hochglanzmagazine taugt? Und wer hängt noch diesem Irrglauben nach, dass man alles erreichen kann, wenn man sich nur ein bisschen mehr reinhängt? Ich glaube ja durchaus daran, dass es möglich ist, sich in einem gewissen Rahmen zu ändern und natürlich ist es wichtig, sich Ziele zu setzen. Aber aus einem Nashorn wird nun mal nie ein Einhorn werden – schnurzpiepegal, wie sehr sich das Nashorn auch reinhängt und wie gerne es ein Einhorn wäre.

Und je eher ich für mich auch  mal bestimmte Grenzen akzeptiere [womit nicht gesagt ist, dass ich einige davon nicht irgendwann sprengen könnte], desto eher kann ich mich mit meinem Leben arrangieren – oder es sogar mögen. Und vielleicht sogar lieben. Auch und gerade, obwohl es nicht perfekt ist und sich ständig neue Baustellen auftun. In „Neuland“ [Klick zur Rezension] schreibt Ildikó von Kürthy sehr treffend:

„Ich fühle mich wie neugeboren“, sage ich, um Vera mit meinem neuen, entgifteten Ich zu beeindrucken. „Du bist aber nicht neugeboren“, antwortet sie nüchtern. „Letztlich musst du dich damit abfinden, dass du so bleibst, wie du von Anfang an gedacht warst. Aus einem Daihatsu wird nie ein Maserati und umgekehrt. Vielleicht kannst du ein paar kleine Korrekturen an dir vornehmen, aber bestimmt keine komplette Wesensveränderung. […] Wir sind, wer wir sind, und es ist ein schlimmes Laster unserer Zeit, dass wir glauben, wir dürften nicht so bleiben, wie wir sind.

Wahre Worte, traurige Worte:

Es ist ein schlimmes Laster unserer Zeit, dass wir glauben, wir dürften nicht so bleiben, wie wir sind.

Vielleicht sollten wir den Spieß einfach mal umdrehen und uns gelegentlich von Kindern unterrichten lassen. Kinder sind die perfekten Lebenslehrer, die auch ohne Postkarten wissen, dass „unvollkommen vollkommen okay ist“ und dass „nicht perfekt auch gut ist“. Allerdings wissen sie das nur, bevor wir sie (v)erzogen haben und sie im Kindergarten dafür gerüffelt werden, dass sie so frech aus der Reihe tanzen…

Mehr zum Thema findet ihr u.a. auch hier:

 

Fotocredits: gratisography.com

33 Kommentare zu „Superwoman schwitzt nicht.

  1. Liebe Anna,

    das hast du wirklich fantastisch geschrieben – ich kam gar nicht mehr aus dem fetten Grinsen, heftigem Kopfnicken und hämischen Kichern raus 😀

    Liebe Grüße,
    Myriam

    P.S. Danke auch für’s Verlinken 😉

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  2. Hach – Du sprichst mir (wie so oft) mit deinem Text wieder mal aus tiefstem Herzen bzw. tiefster Seele. Ich könnte da ewig weiterlesen, zustimmend nicken oder einfach nur hellauf lachen.
    So ganz nebenbei erinnerst Du mich dann auch noch an Ildiko’s Buch, dass ich mir übrigens nach DEINEM Blog im letzten Jahr als Leselektüre für den Urlaub gekauft habe (weil es von dir ja leider noch keine Bücher gibt!)
    PS: Celeste Barber … immer wieder sehenswert!! 😉

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    1. Danke. 😉 So (also: zustimmend nicken oder hellauf lachen) ging’s mir mit „Neuland“ – allerdings erst im zweiten Anlauf. Zuerst fiel das Buch bei mir ja komplett durch, weil der Zeitpunkt zum Lesen einfach richtig, richtig schlecht war. Aber für „Neuland“ wie auch für viele meiner Texte gilt wohl: Sie dienen einfach „nur“ der Unterhaltung und im Idealfall bringen sie euch Leser zum Lachen (Lächeln ist auch okay) und hin und wieder zum Nachdenken. Das muss man mögen und vor allem muss man in der richtigen Stimmung sein, um sich das reinziehen zu können. Sonst kann es durchaus befremdlich und extrem oberflächlich wirken (etwa: Hat sie keine echten Probleme? Antwort: Doch, aber das ist meine Sache.) und einen als Leser vielleicht sogar extrem stinkig zurücklassen. Ich freue mich auf jeden Fall sehr, sehr, sehr, dass sich hier Leser versammelt haben, die Spaß an meiner Bloggerei haben. 😉

      Und Celeste ist so genial. Die zeigt auf sympathische und schräge Weise, dass es einfach Menschen gibt, die fotogener und „telegener“ als andere sind und das finde ich echt befreiend. 😉

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  3. Lies mal ‚Die Teufelin‘ von Fay Weldon. Großartiges Buch mit ziemlich bösem Ende. Auch sehr gut verfilmt (aber etwas ‚weicher‘) mit den beiden wunderbaren Frauen Roseanne und Meryl Streep.
    Liebe Grüße, Frau Vau

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    1. Den Film liebe ich! Großartig! Aber das Buch mag ich gar nicht. Ich habe keine Ahnung, woran es lag, aber danach bin ich direkt in ein schwarzes Loch gestürzt. Nee, ich habe jetzt drei Bücher von Fay Weldon (an)gelesen, weil ich den Schreibstil eigentlich mag. Aber ihre Bücher sind nicht gut für mich. Beknackt, aber so isses. 😉

      Lieben Gruß!

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  4. Sehr unterhaltsam und beste Ironie 🙂
    Trotz allem Witz machen mich Deine Texte auch gern nachdenklich. Und ich denke hier habe ich genau die Gründe, weshalb es meinen kleinen unperfekten Blog mit einer unperfekten Tina gibt. Und geben muss.
    (Liebe Grüße Tina, die jetzt eine Doppelstunde Yoga macht nachdem sie lecker für die ganze Familie Low Carb gekocht hat.) Öhm Spaß beiseite Tina die sich auf einen faulen Abend auf der Couch freut und jetzt noch eine Tasse Kaffee trinkt, weil sie erledigt ist von den Patienten in der Praxis. Allen Superwomen dieser Welt, sucht euch einen Job in einer gut besuchten Arztpraxis an der Anmeldung und auch ihr werdet müüüde 🙂
    Anna einen schönen Abend für Dich!

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    1. Tina! Ich rechne es dir hoch an, dass du dir nach einem anstrengenden Arbeitstag noch so einen Textwust reingezogen hast. Du bist eine Heldin. Bist du für mich aber ohnehin, denn der Job an der Anmeldung einer Arztpraxis ist (zumindest hier) nur was für echte Alltagsheldinnen und ich wähle entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten bewusst die weibliche Form, denn in all meinen Jahren als Patientin und Mitarbeiterin habe ich nicht einen Arzthelfer getroffen… hm… warum nur….

      ❤ lichen Gruß!

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  5. Ach Anna. Du hast mal wieder so recht! Hab vergnügt in mich reingegrinst. Und ich hab ausserdem richtiggehend Beklemmungen gekriegt, alleine schon beim Lesen deiner Aufzählung all der Anstrengungen die man unternehmen sollte, um diesem Lifestyle gerecht werden zu können. Was bin ich froh, dass ich doch glaube so bleiben zu dürfen, wie ich nun mal bin…..Ich bin nämlich irgendwann zur Erkenntnis gekommen, dass man damit nie zu Ende kommt. Mit dem vermeintlichen Optimieren. Da kannst du dich anstrengen, wie du möchtest- der Zeitgeist ist immer schneller.
    Also lebe ich mein kleines, unaufgeregtes, stinknormales Leben und bin glücklich damit. Also, ich meine: So richtig glücklich. Mehr muss nicht sein.
    Die Flow lese ich trotzdem immer gerne. Irgendwie schliesst sich das gegenseitig nicht aus. So ein bisschen Inspiration (oder auch Bestätigung?) kann ja trotzdem nicht schaden! ;oD
    <3liche Grüsse!
    PS: Yep. Tina hat recht. Ein Job im Gesundheitswesen hat ausserdem noch einen ganz besonders prägenden Effekt: Dir begegnen dabei jeden Tag so viele kleinere und grössere menschliche Tragödien, dass die eigenen Problemchen zu Peanuts werden und dass du ganz schnell lernst wieder zufrieden zu sein mit dem, was du hast und bist….

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    1. Ach Frau Hummel … ich finde es gerade sehr schön, dass die spinnerte Blogbetreiberin wieder Kommentare zulässt. Das wäre sonst ganz schön öde hier. 😉

      Und sag mir: Warum liest du die Flow? Du solltest für die Flow schreiben. *g* Nebenbei bemerkt lese ich sie ja auch ganz gerne mal – aber eben nur, wenn ich in der richtigen Stimmung bin. Allerdings greife ich auch hin und wieder zu Frauenzeitschriften. Möglicherweise neutralisieren sich die Zeitschriften gegenseitig, so dass keine davon ernsthaften Schaden anrichten kann. Hm …

      ❤ lichen Gruß ins Hummelland!

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  6. Wie wahr, wie wahr!
    Dazu fällt mir auch folgender Hirnfurz ein, der mir seit längerem auch immer wieder durch den Kopf geht, den ich aber nur schwer runterbrechen und ausformulieren kann (verzeih‘ wenn es konfus wird^^):

    Selbstoptimierung und #bodylove werden so oft gemeinsam genannt… unter dem Deckmantel es handle sich um konträre Positionen. „Liebe Dich selbst wie Du bist. Du bist perfekt, kein Grund, Dich zu ändern“. Und doch sind es oft diejenigen, die akribisch auf ihre Ernährung achten, die ohne die tägliche Einheit Sport fast schon entzugsartige Erscheinungen erfahren und die den Gang zum Beautydoc so selbstverständlich gehen, wie andere zum Einkaufen. Aber Hautptsache ich bin total #bodypositive und liebe meinen Körper 😀
    Manchmal greife ich mir wirklich an den Kopf. Merkt es die/der durchtrainierte, aufgespritze und photogeshopped-te Dame/Herr noch, wie pathetisch das rüberkommt?! Anderen sagen zu wollen, man solle sich selbst so akzeptieren wie man ist, aber gleichzeitig selbst ganz ordentlich auf der Selbstoptimierungswelle reiten?!

    Ich denke jeder von uns hat einen Antrieb Dinge gut machen zu wollen. Ich mach mir ja auch kein Essen, das mir nicht schmeckt, kleide mich extra hässlich oder lasse meine Blumen verblühen, weil sie vertrocknet so viel besser aussehen. Nein, ich gebe mir Mühe. Doch wann genau ist es eigentlich passiert, dass „etwas schön/gut/toll“haben zu wollen, in diese übertriebene Selbstoptimierung übergegangen ist?!
    Hach, manchmal sollte man nicht zu viel nachdenken… Ich persönlich denke mir bei meinem Sport zB immer: das ist nicht der Wunsch nach Selbstoptimierung sondern einfach der Wunsch, zu sehen, was mein Körper alles kann. Der Wunsch, gesund und fit zu sein und eben das auch mit ins Alter zu nehmen. Das ist jetzt nur ein Beispiel, wie manches von anderen vielleicht als Selbstoptimierung interpretiert werden könnte, von mir selbst aber durch eine intrinische Motivation getrieben ist. Daher bleibt am Ende wohl zu sagen, dass es vermutlich auf den eigenen Standpunkt ankommt: was für mich normal ist, legt jemand anderes unter übertriebener Selbstoptimierung ab und vice versa.

    Liebste Grüße und danke für deine Texte, die mich jedes Mal aufs Neue zu Nachdenken bringen und ein Chaos an unsortierten Gedanken verursachen (^^siehe ebenjenes Kommentar)
    Sarah

    http://www.eattraincare.com

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    1. OMG. Ich möchte vor Freude weinen und dir auf Knien dafür danken, dass du mir mit deinem Hirnfurz die Gelegenheit zur Prokrastination gibst (und glaube mir, ich habe das gerade echt nötig)! Muss nur mal eben den Kopf auf den Tisch knallen, um auf „Blog-Sprech“ umzuschwenken. 😉

      Die Frage der Motivation finde ich richtig interessant. Warum tue ich das, was ich tue, während ich mich zu anderen Dingen partout nicht aufraffen kann – obwohl (!) sie vielleicht nicht weniger wichtig sind. Habe mir kürzlich mal den Spaß gemacht, unzensiert alle Gründe aufzuschreiben, die mich angetrieben haben, eine Sache anzugehen. Und es war erschreckend zu lesen, dass vielleicht nur 1-2 Vernunftgründe mit im Spiel waren. Aber gut, wenn du weißt, was dich antreibt, dann verstehst du manche Handlungsweisen einfach besser. 😉 Und so einen exzessiven Körperkult mit #bodypositive zu verschlagworten … nun ja … kann man machen, wenngleich #narzissmus vielleicht treffender wäre?
      Andererseits ist es ja auch witzlos, ein knallhartes Ernährungs- und Trainingsprogramm durchzuziehen, wenn du hinterher niemanden hast, der dich dafür bewundert. Und wo ginge das besser als in den sozialen Netzwerken? 😛

      Lieben Gruß und danke dir für den Hirnfurz. 😉

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  7. Moin Anna 🙂

    Es reicht nie und Du bist sowieso mangelhaft – das ist die Botschaft. Ständig. Überall. Ich lese noch meine Herzstück und auch mal gerne die Auszeit, weil ich da nie dieses Gefühl bekomme sondern einfach Anregungen, die mir überlassen bleiben umzusetzen oder sein zu lassen.

    Dem Rest entziehe ich mich so gut es geht, werde aber doch immer von Aussen durch andere Menschen damit konfrontiert. Tja, da heisst es „bei sich bleiben“ und lernen, sich davon nicht runterziehen zu lassen. Beim Friseur war das auch wieder da – die Haaren sollten gefärbt sein, weil meine Haarfarbe zu lasch ist, dies sollte gemacht werden und das – ich habe „Nein“ gesagt und alle waren sooo enttäuscht. Dass die kein Schnütchen gezogen haben, war schon alles. Man bekommt automatisch das Gefühl vermittelt „die da will eh nichts für sich tun, die kannste vergessen“. Dabei mag ich mein nacktes Gesicht und meine paar grauen Haare finde ich persönlich gar nicht schlimm – viel unwohler fühle ich mich mit der Chemie auf dem Kopf, die mir im schlimmsten Fall auch Atemnot verursachen kann.

    Das ist die Botschaft, die heute gefühlt jeder 2. oder 3. vermittelt – auch und gerade im Alltag. Geh mal als übergewichtiger Mensch durch die Stadt – heute belehrte mich eine ältere Dame, dass ich weniger essen und mehr laufen sollte – als ob die wüsste, wie oft ich hier zu Fuss unterwegs bin und wie ich durch die Krankheiten eh aufs Essen achten muss. Dass ich Kortison nehme weiss die nicht – aber eine Meinung hat sie. Ich sollte aufhören „Cola“ zu trinken – dabei trinke ich höchstens mal eine kleine Zero, sonst nur Wasser oder Tee. Man ist nie gut genug für die Welt da draussen – da tut es so Not, mit sich selbst irgendwie ins Reine zu kommen und da ist es eben wichtig, eigene Grenzen auch zu akzeptieren. Anzunehmen, dass man nicht „dazu gehören“ muss um gut zu sein wie man ist.

    Wenn es Dir hilft, diese ganze Bewegung einmal quer durch den Kakao zu ziehen, dann tu das auch weiter – zum schmunzeln ist es allemal.

    Und natürlich kann man auch wirklich aus Spaß und Freude einen gesunden Lebensstil pflegen ohne sich dabei gehetzt zu fühlen oder narzisstisch zu sein – das ist aber in meinen Augen die Königsklasse und sehr viel seltener als es so mancher Lifestyle-Junkie zu suggerieren versucht.

    Lieben Gruss
    Clara

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    1. Ich lese ja auch gerne mal die Flow. Wegen der Texte. Das Layout trifft nicht wirklich meinen Nerv – wobei … doch … es trifft einen Nerv und zwar schmerzhaft. *g* Happinez und Herststück finde ich persönlich schöner aufgemacht, könnte ich wie ein Bilderbuch durchblättern. Aber wenn ich wirklich „einfach nur lesen will“, ohne mich von irgendwem oder irgendwas unter Druck gesetzt zu fühlen, dann greife ich wieder zu Harry Potter. Frau muss sich nur zu helfen wissen.

      Mit mir im Reinen bin ich übrigens u.a. auf der Yogamatte (ich gehe allerdings nicht ins Studio) oder draußen beim Walken. Es geht also. Das ist ausbaufähig. Und vielleicht ist es normal, sich manchmal einfach … hm… nicht gut genug oder nicht dazugehörig zu fühlen? Mal empfänglicher für Störfaktoren zu sein und dann wieder nicht? Irgendwie ist das Leben doch ein lebenslanger Lernprozess und jeder hat seine Felder, die er meint, beackern zu müssen. Und am Ende ärgerst du dich wahrscheinlich darüber, dass du die falschen „Unterrichtsfächer/Studiengänge“ belegt hast. 😉

      Lieben Gruß!

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      1. Musste gerade lachen – ja, wegen dem Layout lese ich die Flow nicht mehr. Tut mir in den Augen weh, ganz ehrlich.
        Harry Potter ist immer gut. Hab grad ein Buch in der Bücherei für olle 50 Cent gekauft, aber ich konnte in die Geschichte abtauchen und das hat so unendlich gut getan – besser als jeder Ratgeber dieser Welt.

        Naja, wer glaubt denn auch, dass man den ganzen Tag total happy und erleuchtet durch die Welt laufen kann? Wir sind ja nicht allein auf dem Planeten und der Mensch, der noch was merkt, kann nicht immer nur supidupi drauf sein. Völlig unmöglich. Für mich persönlich war es immer viel wichtiger, diese heftigen Untiefen, die ja auch aus Depressionszeiten noch kamen, zu verlassen und das ist mir ganz gut gelungen. Das heisst aber doch nicht, dass man 365 Tage im Jahr nur glücklich ist. Das ist doch Utopie.

        So „normal verrückt“ find ich persönlich halt ganz gut. Damit kann ich leben 🙂

        Lieben Gruss 🙂

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        1. Dann wünsche ich dir, dass du nie wieder mit diesen Untiefen zu kämpfen hast. Und „normal verrückt“ klingt gut. Mag ich. Bin ich. Und es ist so befreiend. 😉

          Schönen Abend für dich!

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  8. Liebe Anna,

    ja, so ist es wohl. Vor lauter Selbstoptimierung rasen wir erst in die Power-Erfolgs-Dynamik-Ecke, um anschließend – total aus der metaphorischen Puste – m optimierten Entschleunigen in der Ommm-Ecke ganz konzentriert und im Flow und bei uns selbst zu laden. Von dem ganzen Gedöns sind wir ganz furchtbar angestrengt und laufen irgendwie dennoch immer nur hinterher. GENAU deshalb ist es gut, immer mal wieder auf die Bremse zu treten und seinen schnuckeligen Private Exit zu nehmen.

    Diese Entscheidung, hin zu „einen Scheiß muss ich“, hast du ganz wundervoll für alle gestressten Ladies zu Papier gebracht.

    Doch was kommt danach?, habe ich mich gefragt. Sind wir dann geläutert vom Selbstoptimierungswahn und für immer ganz bei uns? Und wenn nicht, warum denn nicht? Das ließ mir keine Ruhe und meine Gedanken dazu gibt’s dann demnächst auf dem Blog.

    Ich danke dir für deinen wunderbaren Post und die Inspiration für die schwitzenden Superwomen 2.0. Ich bin gespannt, was die Annas dazu sagen.

    Liebste Grüße

    Claudia

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    1. Liebe Claudia, es tut mir so leid! Dein Kommentar ist im Spam gelandet und da lag er nun. 6 Tage. WordPress überrascht mich immer wieder. 😦

      Und ich danke dir sehr für deinen Kommentar. Vor allem die Frage, „was kommt danach“ finde ich spannend. Denn sind wir denn irgendwann mal gut genug? Kaum vorstellbar. Ich komm mal rüber und lese, was du geschrieben hast. 😉

      Herzliche Grüße
      Anna 😉

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  9. Ich muss dir mal Blumen schicken dafür, dass du immer schreibst, wozu ich nicht komme. Das ist so befreiened! Nein, ganz dickes Kompliment. Hatte ich ja schon auf Insta gesagt: Ich bleib so Scheiße wie ich bin. Und dieses Streben ist ja Teil unserer Gesellschaft, sonst würde ja niemand mehr etwas kaufen 🙂

    Allerdings: Morgens um 4 Uhr, na gut um 5 Uhr raus, Joggen im Topoutfit und dann das Gesundheitssmoothie wegschlürfen? Alles schon hinter mir. In San Diego geht das jeden Tag so. Dafür biste dann auch nicht später als um 22 Uhr im Bettchen. Die Sonne geht früher auf und früher unter. Wegen des Superduperwetters biste immer draußen. Da bietet sich ein bißchen Joggen oder Yoga im Park an. Wenn alle fit sind, willst du auch fit sein. So isst das. Der Mensch ist ein Herdentierchen. Danke für die amüsante Schreibe! LG Sabina

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    1. Danke für die Blumen. 😉 Und stimmt, der Mensch ist ein Herdentier und nichts (oder nur wenig) formt dich mehr als deine Umgebung. Da kannst du noch so viele Selbstoptimierungskurse besuchen und einen Ratgeber nach dem nächsten lesen … wenn du nicht im für dich (deine Pläne) passenden Umfeld steckst, ist das alles für den Eimer.

      Lieben Gruß!

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  10. Oh mein Gott. Ich habe in meinem Leben noch nie eine Flow gelesen. Eine Happinez auch nicht. Und weißte, was das Schlimmste ist? Ich habe nichtmal das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Zur Selbstoptimierung nach Insta-Vorbild sag ich mal lieber gar nix. Das wird nicht jugendfrei.
    Vielleicht würden wir die Welt und uns selbst einfach besser machen, wenn wir statt irgendwelcher Superfood-Rezepte einfach mal versuchen würden, den kategorischen Imperativ zu verstehen und zu leben.
    So, das war meine Sonnabend-Abend-Predigt 🙂
    Liebe Grüße
    Fran

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    1. Macht nichts, ich habe genug Flows für uns beide gelesen. 😉

      Kategorischer Imperativ schlägt Superfood? Hm… kann man den KI denn auch ansprechend auf diesen aufgeblasenen… ähm… aufblasbaren Flamingos anrichten und würde er auf Instagram ne gute Figur machen? Wenn nicht, müsstest du ihn schon verdammt gut vermarkten. Vielleicht holst du Bibi (die Influencerin, u know?) mit auf den Flamingo, damit sie dem KI einen Song widmet? 😎

      Lieben Gruß!

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    1. Chrissie, ich versuche ja generell, das zu leben, was ich schreibe. Aber die Tatsache, DASS ich überhaupt darüber schreibe(n muss), zeigt ja, dass es doch immer noch ein Thema ist. Nun ja… frau wächst an ihren Aufgaben, ne? 😉

      Lieben Gruß!

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