Un|Fair: Bangladesch ist überall.

Dies ist der klassische Fall eines Posts, der beim Schreiben ein komplettes Eigenleben entwickelt hat. Eigentlich wollte ich darüber schreiben, dass ich vor einiger Zeit Secondhandshops für mich entdeckt habe – als Käuferin. Und dass ich mir nun quasi die andere Seite angeschaut habe – nämlich die der Verkäuferin. Ich habe, wie geplant, die Gründe aufgeführt, die meine naserümpfende Abneigung gegenüber Secondhandklamotten Stück für Stück aufgeweicht haben – nämlich u.a. die folgenden:

  • Die Billigfähnchen sind nicht billig und irgendjemand muss dafür zahlen.
  • Die Herstellungsbedingungen schädigen die Umwelt.Und die Gifte bleiben nicht vor Ort, sondern landen gelegentlich auch in unserem Kleiderschrank.
  • Und zu guter Letzt freut sich natürlich auch der Geldbeutel.

Doch dann entglitt mir der Post. Zack… weg war er. Und das lag an den oben erwähnten Billigfähnchen! Ich will nun ganz gewiss nicht für H&M, C&A, Tchibo & Co in die Bresche springen – obwohl sich in meinem Schrank diverse Kleidungsstücke dieser Hersteller finden. Allerdings ist es leider viel zu kurz gegriffen, lediglich die Hersteller der Billigklamotten an den Pranger zu stellen, denn die anderen sind auch nicht besser – mögen die Namen auch noch so edel klingen und einem die Preise die Tränen in die Augen treiben. Weil ich nicht unfair sein wollte, habe ich diesbezüglich ein klein wenig recherchiert und schon nahm der Post, der sich fortan quasi von alleine schrieb, seinen Lauf.

Warum Marken-Bashing nichts bringt…

Was mittlerweile jedem klar sein dürfte: Ein Shirt, das im Laden 5 Euro kostet, kann nicht fair hergestellt worden sein. Allerdings ist es viel zu kurz gegriffen, sich nur auf die Billigmarken einzuschießen, denn:

Mittlerweile lassen fast alle Markenhersteller ihre Waren in Fernost fertigen, sei es in China, Pakistan oder Bangladesh. Das betrifft längst nicht nur die offensichtlichen Günstigangebote. Denn der Verkaufspreis gibt noch lange keinen Aufschluss darüber, wo es produziert wurde. Auch mittelpreisige Markenkleidung, hochpreisige Outdoor-Kleidung und teure Nobelmarken stammen häufig aus denselben Fabriken, die Billigklamotten für den Discounter herstellen. (Quelle 3sat: Edelmarken zum Hungerlohn)

Auch im Wall Street Journal heißt es: Wie Armani & Co sich im Billigland Bangladesh bereichern. Und die Initiative Rank a brand, die Markenhersteller hinsichtlich Transparenz und Nachhaltigkeit auf die Finger schaut, kommt zu dem Fazit, dass der Preis der Kleidung nichts über die Herstellungsbedingungen aussagt. Rank a brand überprüft u.a.

Ob die Konzerne Kinder- und Zwangsarbeit verbieten. Ob sie einen Existenzlohn zahlen, der zum Leben reicht. Oder ob die Arbeiter sich in Gewerkschaften organisieren können. Luxuskonzerne schnitten bei der letzten Untersuchung besonders schlecht ab. Prada, Escada, Versace, Armani, Hermès, Marc Jacobs und Louis Vuitton: Sie alle stuft Rank a brand als „nicht empfehlenswert“ ein. (Quelle Tagesspiegel: Luxusmarken sind nicht fairer als Primark)

Kleiner Exkurs zur Preisgestaltung:

Für „Edelmarken zum Hungerlohn“ [1] errechnete die „Kampagne für Saubere Kleidung“ (CIR) folgendes für eine in Asien genähte Jeans, die hier für 100 Euro verkauft wird:

  • Lohnkosten: 1 Euro
  • Werbung: 25 Euro
  • Gewinn für den Handel: 50 Euro

Kosten für den Import werden leider nicht aufgeführt, interessanten Bericht dazu findet ihr aber im Handelsblatt [Warum man T-Shirts für 5 Euro kaufen kann] und demzufolge zahlt H&M für ein Shirt kaum mehr als 1,40Euro – für Transport, Herstellung und Rohstoff. Das hat aber seine Richtigkeit, weil der Konsument nicht mehr als 4,95 Euro für das Shirt bezahlen möchte, denn genau da liegt die magische Preisgrenze.

zitat-einstein

Bangladesch ist überall…

Es ist auch zu kurz gegriffen, sich auf bestimmte Länder einzuschießen. Papst Franziskus hat im letzten Jahr ein Donnerwetter von der Kanzel gelassen. Im Visier: Ausbeutung und Korruption. Genauer: Zehntausende von Chinesen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Textilfabriken schuften. In Textilfabriken, die in Italien stehen. Da staunt ihr? Ging mir auch so.

Auch das Label „Made in Europe“ ist nicht viel wert. Während die Billigmarken weiterhin auf Asien setzen, spekulieren die Luxusmarken auf „Made in Europe“ (Türkei u. Osteuropa – Bulgarien, Rumänien oder Kroatien), weil das kleidsamer ist als „Made in Bangladesch“. Die Arbeitsbedingungen sind allerdings nicht besser und existenzsichernde Löhne ebenso abwegig wie in Bangladesch. (Quelle Tagesspiegel: Luxusmarken sind nicht fairer als Primark). Nichtsdestotrotz ist Bangladesch – nach China – der zweitgrößte Zulieferer für den westlichen Textilmarkt und die Textilbranche der mächtigste Arbeitgeber des Landes.

Knapp vier Millionen Bengalen sind in Textilfabriken tätig, und schätzungsweise zwölf Millionen der 150 Millionen Einwohner des Landes leben direkt von der Branche. Da die meisten Beschäftigen in den Fabriken weiblich sind, hat die Arbeit auch ihren Status in der Gesellschaft gestärkt. Wären da nicht die teils miserablen Arbeitsbedingungen und der Raubbau an der Umwelt. (Quelle: 3sat –Edelmarken zum Hungerlohn)

Hinschauen hilft!

Winziger Hoffnungsschimmer: Der Druck von außen geht an den Herstellern nicht spurlos vor. Die Arbeitnehmer [sollte ich Sklaven schreiben, oder?] wehren sich langsam im ihnen möglichen Rahmen gegen diese Sklavenarbeit – wenngleich das nicht so leicht ist. Einige haben schlicht nicht die Möglichkeit, sich überhaupt zur Wehr zu setzen, weil sie keine Rechte besitzen. Andere haben aufgrund mangelnder Schulbildung keine Chance, außerhalb der Textilfabriken jemals halbwegs „so viel“ Geld zu verdienen. Der Druck von außen trug auch dazu bei, dass der Mindestlohn der Näherinnen „erhöht“ wurde: von 28€/Monat auf um die 50Euro. Im Monat. [1] Lassen wir vielleicht mal kurz sacken…

Kleines Gedankenspiel: Mal angenommen, ich zahle 50 Euro für eine Strickjacke. Würde sich die Frau, die dieses Teil für mich hergestellt hat, ebendiese Stickjacke kaufen wollen, müsste sie dafür unter strengsten Kontrollen und unmenschlichen Arbeitsbedingungen 13 bis 16 Stunden am Tag und sechs Tage die Woche arbeiten. Vermutlich würde sie diese derart teuer erkaufte Stickjacke – für die sie ja auch noch einen Monat lang auf das Essen hätte verzichten müssen – sehr, sehr schätzen. Und nie wieder eine andere tragen wollen, bis ihre teuer erkaufte Strickjacke auseinanderfällt… nehme ich an. Und um der Wahrheit die Ehre zu geben und nicht in die Falle der einseitigen Berichterstattung zu tappen: Es gibt natürlich auch Spitzenkräfte an der Nähmaschine. Die bringen es durchaus auf 77 Euro im Monat – steht hier.

Den Investoren werden die Bangladescher übrigens langsam zu teuer und darum liebäugeln sie mit den überaus arbeitswilligen und billigen Arbeitskräften in Vietnam, Indonesien, Myanmar oder Kambodscha.

Kann ich überhaupt was tun?

Klingt ein wenig aussichtslos und als Konsument frage ich mich tatsächlich, was ich da noch machen kann, wenn ich nicht selbst nähen kann oder mir eben nur ein bestimmtes Budget zur Verfügung steht? Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende der Frauenrechtsorganisation Femnet [untersützt auch die Kampagne für saubere Kleidung], zeigt ein paar Möglichkeiten auf. Und sie verrät auch, was sie nicht für sinnvoll hält. Nämlich den Boykott bestimmter Handelsketten/Marken. Grund:

Wir von der Kampagne für saubere Kleidung rufen nicht zum Boykott auf, weil letztlich die Näherinnen leiden würden. Zudem lassen fast alle großen Kleidungsketten unter schlechten Bedingungen produzieren, darum ist es schwierig, eine herauszugreifen. (Quelle SZ: Faire Produktion erkennt man nicht am Preis)

Boykott ist also keine gute Idee, sagt eine, die mehr Ahnung von der Materie hat als ich. Was können wir stattdessen tun? Es gibt einige Gütesiegel und Rankings, die die Kaufentscheidung beeinflussen können:

Wir können laut Gisela Burckhardt außerdem:

  • Auf öko-faire Kleidung setzen.
  • Auf Secondhand-Ware setzen.
  • Den eigenen Konsum zu überdenken.

Und fragen, fragen, fragen. Wie in der Sesamstraße: wieso, weshalb, warum? Um zu zeigen, dass es uns nicht egal ist, was am anderen Ende der Welt passiert. Und hier schließt sich der Kreis und ich komme wieder zur Idee, die diesem Post zugrunde lag. Nämlich: Secondhand-Ware und bewusster Konsum. Denn ganz ehrlich? Hirnlos irgendwelches Zeug kaufen, ist doch… nun ja… hirnlos.  😉

Quelle: [1] Edelmarken zum Hungerlohn

Zitat Handelsblatt.jpg

Fotocredits: Beitragsbild canva, Rest erstellt mit Pablo by Buffer

[Dieser Post erschien zuerst am 9.November 2016 auf weibandthecity.com und wurde hierfür leicht überarbeitet.]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s