Und täglich grüßt ein neues Superfood

Trendwellen schwappen ja erst eine Weile durch die Gegend, ehe sie mich erfassen – wenn sie mich denn überhaupt erfassen. An Matcha kommt allerdings kaum jemand vorbei, der sich für Schönheit, Gesundheit und Detox [so man denn daran glauben möchte] interessiert.

Echter Matcha ist der Kaviar unter den Tees! Eine 30-Gramm-Portion kann über 50 Euro kosten. Grund: Matcha kommt meist aus Japan [es gibt allerdings mittlerweile einige chinesische Ausnahmen] und in die Kunst der fachgerechten Ernte/Zubereitung sind nur wenige Teebauern eingeweiht. Dazu kommt, dass die Japaner gar nicht daran denken, die große Matcha-Masse zu exportieren – sie trinken den Tee lieber selbst und das treibt natürlich den Preis nach oben.

Matcha – Superfood für die Superfigur?

Matcha wird nicht nur als schaumiger Gesundheitsbooster gehandelt, er soll auch beim Abnehmen helfen, da er aufgrund der enthaltenen Catechine angeblich den Fettabbau unterstützt. Darf man der Yellow Press glauben, schwören Stars wie Mila Kunis oder Liv Tyler auf das grüne Zeug – was für mich allerdings ehrlich gesagt keine Werbung ist. Im Gegenteil: Schon mal von einem Hollywood-Sternchen gehört, das durch seinen gesunden Lebenswandel und sein liebevolles Verhältnis zu seinem eigenen Körper in die Schlagzeilen geriet? Eben. Und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass die Damen Kunis und Tyler ohne Matcha nun gleich zum Moby Dick werden würden.

Da ich meiner Gesundheit einfach mal wieder was richtig Gutes tun und die Figur ein bisschen optimieren wollte, habe ich mir Matcha gegönnt. Denn mal ehrlich: Immer nur Äpfel oder Salat? Das ist nicht Gesundheit 2.0, das ist Steinzeit. Völlige Lifestyle-Verweigerung. Nachdem ich die erste Tasse Matcha intus hatte, musste ich allerdings ein bisschen weinen. Hätte ich das Geld doch lieber in gute Schokolade investiert hätte. Oder in Torte. Oder in ein neues Buch. Der Geschmack des Tees ist nämlich recht… gewöhnungsbedürftig. Und bei näherer Betrachtung sind Superfoods vielleicht doch nicht so super.

Matcha: Superfood oder Schaumschläger?

Matcha ist – wie Grüntees allgemein – gesund und enthält diverse Inhaltsstoffe, die ihn zum „Superfood“ machen und genau auf diesem Bein hat es mich wohl auch erwischt, als ich ihn gekauft habe. Matcha punktet u.a.mit:

  • Aminosäuren
  • Antioxidantien
  • Catechinen
  • Chlorophyll
  • Mineralstoffen u. Spurenelementen (Calcium, Eisen, Kalium)
    verschiedenen Vitaminen
  • EGCG (Epigallocatechingallat)

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe mit der Bezeichnung „Superfoods“ meine Probleme, weil diverse dieser Superheroes zwar durchaus tolle Inhaltsstoffe enthalten – nur eben zu wenig. Oder andersrum: Um voll in den Genuss der wunderwirksamen Heilkräfte zu kommen, müsste die Verzehrmenge groß sein. Sehr groß. Größer, als zumindest ich das im Alltag bewerkstelligen kann und darf.

Beispiel Chia: 100 g der Chia-Körner enthalten u.a. Eisen (7,7mg) und Zink (4,6 mg). [1] Für Frauen empfiehlt die DGE aber eine tägliche Zufuhr von 15 mg Eisen und 15mg Zink. Und nun rechnet bitte selbst aus, wie viel Chia das wäre. Verzehrt werden dürfen allerdings max. 15g/Tag, weil die Langzeituntersuchungen fehlen.

Und Matcha? Der enthält zwar Vitamine – neben wasserlöslichem Vitamin B und C allerdings auch fettlösliche wie Vitamin A, E und K. Darüber hinaus steckt tatsächlich deutlich mehr EGCG (Epigallocatechingallat) im Matcha-Pulver, als in normalem Grüntee – ob EGCG nun aber wirklich so wirksam ist, wie es verschiedene Studien vermuten lassen, ist noch nicht geklärt, da die Ergebnisse aus Labor- und Tierversuchen nicht einfach so auf den Menschen übertragbar sind. Auf Utopia heißt es zum Thema Superfoods:

Die Wirkungen auf die menschliche Gesundheit werden meist nur unter Laborbedingungen erforscht. Dabei gehen die Wissenschaftler häufig von verhältnismäßig großen Mengen bzw. Konzentrationen der Nährstoffe aus – Mengen, die ein Mensch bei normalem Verzehr der entsprechenden Nahrungsmittel kaum zu sich nehmen kann. Quelle: Utopia:Der kernige Schwindel mit Superfoods

Zumal Superfoods eine gesunde Ernährung nicht ersetzen können und wenn die Ernährung ohnehin gesund ist, stecken eh genug „Superkräfte“ drin. Sage nicht nur ich. Sondern u.a. auch Ernährunswissenschaftlerin Angela Clausen in der welt.de:

Den Begriff Superfoods sieht sie jedoch vor allem als Marketing-Gag, mit dem exotische Lebensmittel, verpackt in eine Geschichte über ihre Wunderwirkung, teuer verkauft werden können. Ein paar der sogenannten Superfoods in den Speiseplan aufzunehmen „reicht nicht für eine gesunde Ernährung“, betont Clausen.

Kritisch sieht die Ernährungswissenschaftlerin vor allem Superfood-Extrakte wie etwa Moringa-Pulver oder Granatapfel in Kapseln. „Das Beste aus einem Kilogramm Gemüse kann nicht in ein paar Gramm Pulver stecken“, sagt sie. Extrakte seien ernährungsphysiologisch gesehen niemals so wertvoll wie das ursprüngliche Lebensmittel.“(Quelle: welt.de)

Reden wir mal über Nahrungsergänzungsmittel (NEM)

Dass Superfoods vielleicht doch nicht nur super sind, ist kein Geheimnis mehr. Ernüchtert war ich allerdings, als mir bewusst wurde, wie es sich mit Nahrungsergänzungsmitteln (NEM) verhält. Denn mal ehrlich: Wer zu Superfoods greift, ist vielleicht auch Nahrungsergänzungsmitteln gegenüber sehr aufgeschlossen. Zumindest war das bei mir lange Zeit so – ganz therapiert bin ich davon noch nicht. Ehe ich jedoch eine neue Superpille kaufen möchte, rufe ich mir folgendes in Erinnerung, was ich neulich gelesen habe:

Nahrungsergänzungsmittel sind keine Medikamente, sondern Lebensmittel. Und im Gegensatz zu Lebensmitteln durchlaufen die Nahrungsergänzungsmittel (NEM) keine nennenswerten Kontrollen. Sie müssen zwar beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) registriert werden, aber auf der Seite des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit heißt es dazu lediglich:

NEM müssen sicher sein – das sollen die Hersteller garantieren.

Im Gegensatz zu Medikamenten unterliegen Nahrungsergänzungsmittel keinem Zulassungsverfahren: Ob sie so wirken, wie auf der Packung steht, und ob die Produkte sicher sind, muss nicht wie bei Medikamenten überprüft werden. Ämter kontrollieren Nahrungsergänzungsmittel nur stichprobenartig. […]Dadurch ist immer das jeweilige Bundesland, in dem ein Erzeugnis hergestellt bzw. in den Verkehr gebracht wird, für die Überwachung und die Überprüfung der Verkehrsfähigkeit von Lebensmitteln zuständig. Eine Prüfung der Erzeugnisse durch diese Behörden oder durch das BVL vor dem Inverkehrbringen ist rechtlich jedoch nicht vorgesehen.

Quelle: Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit

Ich stehe ja gerne mal auf dem Schlauch, aber: „eine Prüfung der Erzeugnisse vor dem Inverkehrbringen ist rechtlich jedoch nicht vorgesehen“? Das klingt nicht gut. Lasse ich jetzt mal so stehen, frage mich allerdings gerade, welche Superfoods als Lebensmittel gelten? Chiasamen haben den Sprung wohl geschafft, wenn ich mich recht entsinne. Aber der Rest? Na keine Sorge: um die Aufklärung und die stichpunktartigen Proben kümmern sich dann Öko-Test, Utopia & Co. Das ist ziemlich praktisch, weil die Medien so auch gleich noch davon profitieren und einen weiteren „Skandal, Skandal! Wie konnte es nur dazu kommen?!“-Artikel raushauen können. Etwa: Von wegen Superfood: So schädlich sind Gojibeeren, Chiasamen und Co. Schon krass, das. Kommt jetzt aber völlig überraschend.

Kein Superfood mehr für mich…

Zumindest nicht, wenn es als solches beworben wird. Meine Liebe zu gehypten und überteuerten Superfoods ist nämlich mittlerweile ziemlich abgekühlt. Schaue deswegen lieber nach günstigen und nährstoffreichen Alternativen und die gibt es. Witzigerweise schmecken sie mir sogar wesentlich besser als all die Superfoods, die ich bisher ausprobiert habe und es ist für mich absolut kein Verlust, statt Acai-Beeren Heidelbeeren zu essen oder Leinsamen den Vorzug zu geben [utopia: Alternative zu Chia-Samen, Gojibeeren & Co]. Offenbar musste ich erst den Umweg über Matcha gehen, um nun ganz Old School auf Obst, Gemüse, Vollkorn und Leinsamen zu setzen. 😉

 

Info & Leseklicks:

Fotocredits: Beitragsbild pixabay/Teechen, Rest privat

 

2 Kommentare zu „Und täglich grüßt ein neues Superfood

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